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„Freistatt“ im Kino

Freistatt

Welch beachtlicher Wandel in Sachen Erziehungsmethoden in den letzten 50 Jahren stattgefunden hat, das lässt sich gut anhand Marc Brummunds Film „Freistatt“ nachvollziehen. Noch bis in die 1970er-Jahre befand sich „die ein oder andere Backpfeife“ durchaus im Rahmen möglicher Disziplinarmaßnahmen, ja es war sogar nicht unüblich, Arbeitsbummelei oder Aufmucken mit einer Heimandrohung zu begegnen. „… und wenn du nicht artig bist, kommst du ins Heim!“, plärrt das Filmplakat.
Für den Schüler Wolfgang wird jene Ankündigung zur Realität. Nach wiederholtem Anecken mit dem Stiefvater geht es für ihn in die dem Film seinen Namen gebende Diakonie im niedersächsischen Landkreis Diepholz. Ein berüchtigter Ort, der bis in die 70er-Jahre als eine der härtesten Einrichtungen der Jugendfürsorgeerziehung galt. Wolfgang zieht 1968 ein – zum einen der Film-Wolfgang, gut verkörpert von Louis Hofmann. Und wahrscheinlich auch Wolfgang Rosenkötter, den Brummund für seinen Film traf und interviewte und auf dessen Schilderungen „Freistatt“ nun unter anderem beruht.
Aber nicht nur Rosenkötters Offenheit ist es zu verdanken, dass die Schrecken des Heims fortan als Spielfilm zu sehen sind – Brummunds Filmteam war es außerdem erlaubt, „Freistatt“ an den Originalschauplätzen zu drehen. Es führt einen also hinein in die düsteren Waschsäle und klammen Schlafstuben. Dann wieder löffelt man mit den Jungen wässrige Suppe und steht anschließend mit ihnen auf einer Draisine Richtung Moor. Denn in Freistatt gibt es zwar keinen regulären Schulunterricht – das „Muskelabitur“ darf aber jeder ablegen. Und Muskelabitur, das heißt hier: Presstorfproduktion. Es geht zu wie im Straflager. Zwischendrin wird geschlagen und gedemütigt, sexuell ausgebeutet und manipuliert. Briefe von den Eltern werden selbstredend abgefangen. Brummund hat sich Mühe gegeben, eine vertrackte (und vielleicht auch etwas klischierte) Psychodynamik sichtbar zu machen. Es ist ein endlos geflochtenes Band der Verrohung. Eines, das sich leicht in sich selbst verfängt.

Text: Carolin Weidner

Foto: Boris Laewen / Edition Salzgeber

Orte und Zeiten: „Freistatt“ im Kino in Berlin

Freistatt, Deutschland 2014; Regie: Marc Brummund; Darstller: Louis Hofmann (Wolfgang), Alexander Held (Hausvater Brockmann), Stephan Grossmann (Bruder Wilde); 108 Minuten

Kinostart: Do, 25. Juni 2015

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