Kino & Stream

Für eine Handvoll Dollar

Wall Street 2In der besonderen Ökonomie des Filmfestivals von Cannes verschieben sich die Maßstäbe, die sonst noch im Kino gelten, jeden Tag aufs Neue. Eine zigmillionenteure Hollywood-Produktion wie Oliver Stones „Wall Street: Money Never Sleeps“ steht in der Aufmerksamkeitskonkurrenz des Festivals einem Werk wie „Rubber“ fast gleichberechtigt gegenüber. Beide haben hier volle Kinos, auch wenn die Schauwerte sehr unterschiedlich sind: „Rubber“ wurde für eine Handvoll Dollar mit der hochauflösenden Filmfunktion einer Konsumenten-Fotokamera gedreht – und ist übrigens auch der erste Spielfilm, in dem ein mörderischer Autoreifen die Hauptfigur abgibt.

Mit seinem Überangebot an Stoffen und Erzählweisen spielt das Festival modellhaft durch, was jenseits davon mit der Digitalisierung der Distributionskanäle Jahr für Jahr weiter voranschreitet. (Die in Cannes angekündigte Kooperation von Sonys Playstation 3 mit der Website The Auteurs, die ab Oktober das globale Kunstkino in HD-Qualität auf einer konsumentenfreundlichen Plattform versammeln soll, ist nur eine weitere Etappe dieser Entwicklung.) Jean-Luc Godard (siehe: Neues aus Cannes) hat das im Kleinen vorgemacht. Zwei Tage lang konnte man seinen „Film Socialisme“ nach der Weltpremiere von einer Website downloaden, bevor er regulär im französischen Kinos startete. Am liebsten hätte Godard zwar, personifizierter Widerspruch in sich selbst, einen anderen, analogeren Weg gefunden und seine assoziative Reise durch die Ideenwelt des vereinten Europas über vier langsame Jahre ins Kino gebracht – so lange wie die Produktion und Sicherung der Finanzierung von „Film Socialisme“ in Anspruch genommen hat. In seinem Modell würden Propagandisten durchs Land ziehen, das künftige Publikum kennenlernen, dessen Vertrauen erwerben und schließlich die Filme zu ihm bringen.

Schastye MoeDen umgekehrten Weg ist der russische Regisseur und Wahlberliner Sergei Loznitsa in seinem Wettbewerbsbeitrag und Spielfilmdebüt „Schastye Moe“ (Mein Glück) gegangen. Seinen makabren, auf böse Pointen hin konstruierten Geschichtenreigen hat er auf Reisen durch seine Heimat gefunden, wie auch manche seiner Darsteller, die ihm zuvor brutale Anekdoten aus der russischen Provinz erzählten. Es sind makabre, tarantinoeske Vignetten über Gewaltexzesse am Ende der Welt, wo jeder jeden ausraubt, wie der bald debil geprügelte Held des Films auf seiner Odyssee am eigenen Leib erfahren muss. Neben den Autorenkinoveteranen, die im Wettbewerb ihre Lebensthemen variierten (Ken Loach: „Route Irish“, Mike Leigh: „Another Year“, Takeshi Kitano: „Outrage“), selbst persiflierten (Woody Allen: „You Will Meet a Tall Dark Stranger“) oder technisch virtuos in neuen Settings weiterführten (Abbas Kiarostami: „Copie Conforme“), gab es im weiten Universum des Festivals auch eine Renaissance des aufklärerischen Kinos: „Inside Job“ heißt die Dokumentation, die mit analytischen Mitteln die müde „Wall Street„-Fortsetzung und Christoph Hochhäuslers hoch verdichtete Banker-Affäre „Unter dir die Stadt“ ergänzte. Charles Ferguson, selbst studierter Mathematiker, Politologe und erfahrener Unternehmer, setzt als selbstbewusster Fragesteller in seiner Analyse der Finanzkrise mit seinen prominenten Interviewpartner ein aufwändig produziertes Gegengewicht zu den Agitprop-Dokus von Michael Moore.

In der Fähigkeit komplexe Zusammenhänge aufzufächern, war das so bestechend wie Olivier Assayas Zeitgeschichtsfilm „Carlos„, der außer Konkurrenz im Wettbewerb lief. Die in der Originalfassung fünfeinhalbstündige Saga konnte erst durch die Beteiligung des Fernsehens zustande kommen, aber dies ist ein Amphibienfilm der besten Art. Mit seinen Koproduktionspartnern und seinen starken Mitspielern (u.a. Nora von Waldstätten, Alexander Scheer und Julia Hummer) war er der zweite heimliche deutsche Beitrag, zugleich packend und erstaunlich differenziert in seinem Zugriff auf die Person Carlos (Edgar Ramirez) und die Verwerfungen zwischen den Supermächten, in deren Schatten der heute in Frankreich inhaftierte Terrorist operierte. Zwei Stunden nach der Cannes-Premiere des Kino-Originals strahlte der französische TV-Kanal Canal+ den ersten Teil der Miniserie aus. Aber vor der Unreinheit der Formen muss sich niemand fürchten, weder in Cannes noch anderswo, solange Geist genug in ihnen steckt.

Text: Robert Weixlbaumer

CANNES: DIE PREISTRÄGER 2010

Mehr über Cookies erfahren