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Gala-Premiere von „Effi Briest“ auf der Berlinale

Effi BriestBerlin, um 1890: Eine junge Frau geht zielstrebig auf die Kaiser-Wilhelm- Universität zu, mit wehendem roten Schal, den sie erwartenden Exgatten souverän ignorierend. Das Wissen lockt, die Selbstbestimmtheit. Eine moderne, hoffnungsvolle Schlusseinstellung hat Hermine Huntgeburth hier gefunden. Das Problem ist nur: der Film, der am Montag im Rahmen der Berlinale seine Gala- Premiere feierte, trägt den Titel „Effi Briest„.

Unsere Effi, die unschuldige Ehebrecherin, eines der großen Frauenopfer der deutschen Literatur, von ihrem Autor Fontane aufrichtig und berückend beweint. Geschont hat er sie nicht. Ohne dem Film schulmeisternd die Werktreue vorhalten zu wollen, darf von einer Adaption eine gewisse Auseinandersetzung mit dem Geist verlangt werden, wenn mehr als die parasitäre Bemächtigung eines Plotgerüstes erreicht werden soll. Zudem liegt die Latte hoch, diese zur Unzeit geborene „Tochter der Luft“ fand eine kongeniale Verkörperung in Hannah Schygullas traumverlorenen Spiel in Fassbinders Verfilmung von 1974. Dass der Vergleich zu ungunsten des aktuellen Films ausgeht, liegt allerdings nicht an Julia Jentzsch, die eine großartige Effi abgäbe, wenn die Regie sie denn ließe.
Doch mehr noch als die großzügige Amnestie am Schluss stört die filmsprachliche Konventionalität, die den eigentlichen Reibungspunkt der gängigen Dramaturgie des Begehrens opfert: geht es doch eigentlich um den zerstörerischen, aber unaufhebbaren Widerspruch von Körper und Konvention. Effi scheitert bei Fontane nicht an einem grausamen Schicksal, sondern an der Brutalität des comme il faut, die Hochzeitsnacht ist keine Vergewaltigung, wie sie hier gezeigt wird, sondern der übliche Vollzug. Der Film ahnt etwas in der ersten Liebesszene zwischen Effi und Crampas, als sie kaum schnell genug aus ihrer kompliziert verschnürten Garderobe kommt. Die indirekte Sinnlichkeit des klassischen Köstumfilms bleibt aber nur Vorspiel zeitgenössischer Bilder erotischer Erfüllung.

Effi Briest, Deutschland 2008; Regie: Hermine Huntgeburth. Darsteller: Julia Jentzsch (Effi), Sebastian Koch (Gert von Innstetten), Misel Maticevic (Major von Crampas), Juliane Köhler (Luise von Briest).

Kinostart: 12. Februar

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