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Gary Oldman im Gespräch

Gary Oldman in

tip George Smiley, der stillste aller Spione, wurde in einer legendären BBC-Serie bereits von Alec Guinness verkörpert. Wie fühlten Sie sich in seinen Fußstapfen?
Gary Oldman Ich trage eine gesunde Dosis Unsicherheit mit mir herum und kann mir bei jedem angebotenen Drehbuch sofort zehn Kollegen vorstellen, die besser geeignet wären als ich. Unterbewusst war Guinness präsent wie ein Geist, so kollektiv ist sein Smiley in der britischen Kultur verwurzelt. Er ist wie Peter Sellers als Inspektor Clouseau, man kann sich niemand anderen vorstellen …

tip … bis man Ihre kühle Kontrolle der Figur in „Dame, König, As, Spion“ sieht und ebenfalls das Gefühl hat, Sie seien geboren für Smiley.
Gary Oldman Ich betrachtete ihn wie eine klassische Rolle aus einem Stück von Tschechow oder Shakespeare. Wenn man Hamlet spielen darf, muss man die Interpretationen zuvor ebenfalls vergessen, um nicht vor Furcht zu erstarren im Schatten der Großen. Als Gegenmittel beschloss ich, ihn etwas grausamer zu spielen und ihm einen Hauch von Sadismus zu verleihen. Man merkt es Smiley kaum an – doch unter der beherrschten Fassade ist er ein verletzter Mann. Und verletzte Männer können sehr gefährlich werden.

Dreharbeiten zu tip Welchen Einfluss hatte der schwedische Regisseur Tomas Alfredson auf Ihre Arbeit?
Gary Oldman Ich denke nicht, dass der Film mit einem britischen Regisseur funktioniert hätte, weil  es immer einen Tick zu viel Nostalgie gegeben hätte. Die Amerikaner lieben ihre Mobster, wir Engländer romantisieren im Kino die Ära des Kalten Krieges. Tomas aber blieb neutral und konnte sich bei allem Respekt für John le Carrй eine persönliche, sehr kühne Sichtweise erlauben. Es ist unglaublich mutig, das Material im Zeitalter von Hochtempo-Spionen wie Bourne oder Bond so geduldig und stilistisch hermetisch zu interpretieren.

tip Fiel es Ihnen schwer, Smiley auf das Allernötigste zu reduzieren? In den ersten 15 Minuten des Filmes sagt er keine Silbe, während man mit Ihnen oft extreme Explosivität verbindet.
Gary Oldman Ich habe durch die „Harry Potter“- und „Batman“-Filme gelernt, Emotionen immer besser zu internalisieren. Doch zugegeben: Bei den Dreharbeiten zu „Dame, König, As, Spion“ wollte ich manchmal losschreien, so hart war es, in der Haut dieses stillen Brüters zu bleiben (lacht). Doch Tomas traf aufregende Entscheidungen, die mich forderten und mehr von mir verlangten, als ich es gewohnt bin. Am Ende der Story, wenn Smiley in einem Versteck auf das Eintreffen des Verräters wartet, muss sich das alles in meinem Gesicht widerspiegeln. Viele Regisseure hätten ankommende Taxis, aussteigende Verdächtige und Schritte auf dem Asphalt gefilmt. Tomas verlangte nur mein Gesicht im Halbdunkel, konzentriert lauschend, alles sagend in kompletter Stille – die Entscheidung für eine solche Szenenwahl zeugt von herausragendem Talent.

tip Vermissten Sie es, dergestalt gefordert zu werden? Nachdem Sie früher von „Prick Up Your Ears“ über „Dracula“ bis zu „Lйon – Der Profi“ die Leinwände elektrisierten, musste man Sie eine Zeit lang eher in unwürdigen B-Movies suchen.
Gary Oldman Ich kann mit einem gewissen Stolz sagen, seit 31 Jahren regelmäßig gearbeitet und eine Menge guter Rollen angesammelt zu haben. Aber natürlich gab es beträchtliche Hochs und Tiefs. Man wird persönlich mit den Rollen verwechselt, die man spielt, und ist immer abhängig von der Gnade und Vorstellungskraft der Industrie. Doch die Leute vergessen, dass ich nicht nur irrwitzig physische Figuren, sondern auch in „Rosenkranz und Güldenstern“ gespielt oder im Theater gesungen und getanzt habe. Es braucht Querdenker wie Alfredson, um einem aus dem Gefängnis der Klischee-Besetzung als Bösewicht zu verhelfen.

tip Ebenfalls fast vergessen ist Ihr rohes Regiedebüt „Nil by Mouth“. Planen Sie selbst, erneut zu inszenieren?
Gary Oldman Unbedingt. Einige Jahre stellte ich den Beruf auch bewusst hintan, um für meine Söhne ein echter Vater zu sein. Sie sind 12 und 14, mit Abstand meine größte Leistung. Doch nun stehen sie so langsam auf eigenen Füßen und ich hoffe einen zweiten Frühling zu genießen. So wird auch das Flüstern der Finanziers immer lauter, dass meine Arbeit als Smiley mit „Dame, König, As, Spion“ noch nicht beendet ist …

Interview: Roland Huschke

Fotos: Studiocanal 

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Dame, König, As, Spion“ im Kino in Berlin

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