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Gegen die herrschenden Konventionen – ein Gespräch mit Pablo Berger

pablo_bergerHerr Berger, ihr Film „Blancanieves“ ist nicht nur eine ungewöhnliche Schneewittchen-Adaption. Er stellt auch eine Frau, eine Stierkämpferin, ins Zentrum des Geschehens. Was hat Sie daran interessiert?
Mein Film spielt in den 1920ern. Stierkampf war damals der populärste Sport und das einzige große Event, das es zu dieser Zeit gab. Es gab keinen Fußball. Keine Filmstars. Keine berühmten Sänger, also all das, was wir heute Populärkultur nennen. Für mich ist Filmemachen eine Form der Zeitreise und ich wollte etwas über die 20er Jahre in Spanien erzählen. Die Idee zu „Blancanieves“ entstand durch ein Foto, auf dem stierkämpfende Zwerge zu sehen sind. Dieses kuriose Bild hat sich in meinem Kopf festgesetzt und ich habe dann Schneewittchen in dieses Bild projiziert.

Mögen Sie Stierkampf?
Nicht unbedingt. Ich habe mir hin und wieder Kämpfe angeschaut. Ich kenne mich da aber nicht aus. Ganz im Gegensatz zu Fußball.

Ihr Film ist schwarzweiß. Es ist ein Stummfilm. Er basiert, wenn auch lose, auf einem Märchen. Hat man Sie nicht für verrückt erklärt, so einen Film drehen zu wollen?
Fast alle, denen ich mein Skript zeigte, haben gedacht, ich sei verrückt. Die meisten sind beim Lesen auch nicht über die erste Seite hinaus gekommen. Dementsprechend lange hat es gedauert, einen Produzenten zu finden, der an mich geglaubt hat. Es hat insgesamt acht Jahre gedauert, diesen Film zu machen.

Gab es einen Punkt, an dem Sie die Idee zu diesem Film begraben wollten?
Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, ob ich Talent habe. Aber ich besitze sehr viel Ausdauer! Ich bin wie ein Tanklaster, der nicht zu stoppen ist, wenn er erst einmal Fahrt aufgenommen hat. Ich wollte diesen Film unbedingt machen und ich wusste, dass es die richtige Zeit für so eine Produktion war. Es ist ja nicht besonders einfallsreich, einen Schwarzweißfilm zu drehen. Guy Maddin und Aki Kaurismäki haben einen gemacht. Im Arthouse-Bereich ist das nicht ungewöhnlich. „Blancanieves“ sollte aber ein schwarzweißer Stummfilm für das Mainstreamkino sein. Für ein Publikum, das weder zu Filmfestivals noch in die Kinemathek geht. Ich wusste, dass das klappen würde, wenn ich eine mitreißende Story erzähle, die von guten Schauspielern getragen wird.

Haben ihre Schauspieler vor dem Dreh Bedenken geäußert?
Sie waren am Anfang sehr ängstlich. Maribel Verdъ fragte mich vor den Aufnahmen: „Pablo, wie werden wir spielen? Müssen wir Emotionen vortäuschen?“ Ich habe sie aber schnell beruhigt. Die Darstellung musste natürlich dramatisch sein, gerade die von Maribel Verdъ, die die böse Stiefmutter spielt. Meine Referenz war Hollywood. Ich wollte stilisiertes Schauspiel, aber kein Overacting.


Wie haben Sie sich auf die Dreharbeiten vorbereitet?
Ich bin ein Filmfreak und schaue überall und immer Filme. Die wirklich großen sind in der Stummfilmära entstanden. Ich habe diese Zeit sehr genau studiert. Aber ein Stummfilm ist im Grunde nichts Besonderes, denn wir vergessen, dass in der Geschichte des Kinos die meisten großen Szenen ohne Ton auskommen, selbst bei Blockbustern wie „Wall-E“. In der ersten halbe Stunde wird dort kein Wort gesprochen. Es gibt also keinen großen Unterschied zwischen einem Stummfilm und der Stille in einer Szene.

Man kann also sagen, der Stummfilm ist noch immer relevant für das Kino?
Ja, das wird er immer sein. Was das Kino zu einer Kunstform macht, ist die Präsenz der Kamera, die Form, wie die Geschichte erzählt wird. Regisseure vergessen das ab und an. Das ist die Essenz des Kinos. Zwischen dem Regisseur und der Geschichte befindet sich die Kamera. Die hat verschiedene Linsen, sie bewegt sich, man schneidet durch sie den Film. Die Kamera ist also ein gesetzter Protagonist. Ein Element, weit wichtiger als der Ton.

Blancanieves_Ein_Maerchen_von_Schwarz_und_Weiss_04_c_AVVisionenFilmverleihSie haben acht Jahre an Ihrem Film gearbeitet. Hat die Finanzkrise Ihre Produktion getroffen?
Mein Film war so oder so gegen jede Norm. Für mich war die Krise von Anfang an da. (lacht) Die Finanzierung ist über Jahre gewachsen. Stück für Stück – und mit ihr die Absicherungen. Die Finanzkrise ist jetzt und betrifft insofern meinen nächsten Film.

Wie steht es um die Kulturlandschaft in Spanien, insbesondere um das Kino?
Spanien hat es sehr hart getroffen und damit auch die dortige Kreativkultur. Es werden jetzt viel weniger Filme produziert. Alle haben Probleme, Arbeit und Aufträge zu finden. Aber wirklich interessant ist: Die Krise ist zu einem Zeitpunkt entstanden, als die Branche auf dem Höhepunkt ihrer Kreativität war. Es gab in Spanien nie so viele begabte Regisseure, denken Sie an Pedro Almodуvar, Rodrigo Cortйs oder Бlex de la Iglesia. Spanisches  Kino ist sexy, einzigartig und originell. Viele unserer Filmschaffenden arbeiten heute in der ganzen Welt. In Hollywood.

In Deutschland gibt es ein starkes Filmfördersystem, das gerade für den Arthouse-Bereich wichtig ist.
In Spanien ist das ähnlich, aber es gibt viel weniger Budgets. Heute kämpfen mehr Filmschaffende um weniger Gelder. Das ist ein Problem. Aber ich sehe das positiv. Meine Filme sind alle gegen die herrschenden Konventionen entstanden und es waren immer Koproduktionen. „Torremolinos 73“, mein erster Film, entstand in Zusammenarbeit mit Dänemark. „Blancanieves“ ist eine Koproduktion mit Frankreich und einem Investor aus Belgien. Koproduktionen sind eine Form des Überlebens. Darin sehe ich aber auch die Zukunft. Filme müssen nicht immer eine Nationalität besitzen. Das Positive an der Globalisierung ist ja, dass wir näher zusammengerückt sind. Warum also nicht gemeinsam arbeiten und gegen diese gigantische Industrie namens Hollywood kämpfen und gutes europäisches Kino machen?

Weiterlesen: Zur Filmkritik von „Blancanieves“

Sie würden „Blancanieves“ also nicht als spanischen Film bezeichnen?
Er ist beides – europäisch und spanisch. Das Schöne an der Europäischen Union ist die ihr innewohnende Idee eines europäischen Kinos. Wir benutzen alle das gleiche Geld, es gibt weniger Steuerhindernisse, was wesentliche Schlüssel für eine gemeinsame Industrie sind.

Wie lange werden Sie an ihrem nächsten Film arbeiten?
Wenn er genau so gut wird wie „Blancanieves“, ist mir die Zeit egal. Ich muss nicht jedes Jahr einen Film machen. Drei, vier Jahre – das wäre ein guter Schnitt.

Das klingt nach einem Regisseur, der keine Krise kennt …
Meiner Idee müssen die Produzenten vertrauen. In den letzten Jahren hat das immer funktioniert. Alle meine Filme waren erfolgreich und haben den Investoren gutes Geld gebracht. Am Ende ist die Filmbranche ja eine Industrie. Ich will nicht, dass meine Produzenten Geld verlieren. Und ich möchte Publikum. Regisseure brauchen Publikum.

Interview: Martin Daßinnies

Fotos: AV Visionen Filmverleih

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