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Gegenbilder

„Ich hatte ja immer gehofft, daß die Stasi drinsitzt und sich sagt, die Schleime macht hier so’n Mist, die müssen wir in den Westen lassen… Ich dachte, ich müßte irgendwas Ekliges machen, damit die mich rauslassen.“ Die Malerin Cornelia Schleime, die einen Filmversuch mit verwesendem Schweinefleisch so offenherzig kommentiert, ist eine von neun ExperimentalfilmerInnen, die in der Videoedition Gegenbilder. DDR-Film im Untergrund 1983 – 1989 vorgestellt werden. Ihre Arbeiten (nicht alle in so provokativer Absicht entstanden) zeigen, wie unterschiedlich die Gestaltung sogenannter nichtlizensierter Filme motiviert sein konnte.


In der DDR gab es etwa zweihundert Amateurfilmzirkel, die mit Super-8- und 16mm-Film gesellschaftlich aktiv waren. Jenseits dieser Arbeitsgemeinschaften, die an Betriebe, Schulen und Kulturhäuser angegliedert waren, entdeckten in den 70er Jahren auch Künstler die Super-8-Kamera für sich. Ungeachtet ihrer unterschiedlichen Qualität sind ihre Filme, die heute im Filmarchiv Ex. Oriente. Lux im Kino Brotfabrik gesammelt werden, wunderbares Quellenmaterial aus der Vorwendekultur. Auf dem „Gegenbilder“-Video findet sich die hemmungslose Inszenierung von Männer- & Poetenwahn („7 x 7 Tatsachen aus dem hiesigen Leben des Dichters Tohm di Roes“, Tohm di Roes, 1983) aber auch Filme von Frauen, die diesen Machismo durchkreuzen. Dazu: Verschmitzte Umdeutungen von Alltagsbildern („Guten Tag, Berlin“, Thomas Werner, 1987) oder Montagen aus 30er-Jahre-Amateurfilm, Palast der Republik und müden Eisbären („Konrad! Sprach die Frau Mama…“, Ramona Köppel-Welsh, 1989).


Gegenbilder-DDR-Film im Untergrund

Das Schleime-Zitat vom Beginn kann man in der Anthologie Gegenbilder. Filmische Subversion in der DDR 1976 – 1989 nachlesen, herausgegeben von Karin Fritzsche und Claus Löser. Der informative Band arbeitet das heimliche Filmschaffen in Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Dresden und Ost-Berlin auf, stellt ein Register zur Verfügung und informiert über Zusammenhänge. Was die Schrift freilich schuldig bleiben muß, das sinnliche Anschauungsmaterial, liefert die DVD-Edition nach.


Das DDR-Underground-Kino der 70er und 80er Jahre entstand im Biotop der Sub-Szenen, an der Grenze zu Malerei und Dichtung. Einflüsse der 60er-West-Avantgarden spielten darin kaum eine Rolle. Zur Weiterführung der „kinetischen Lyrik, bei der man auf das Tatsachenbild überhaupt verzichtet“, von der Paul Wegener schon 1916 träumte, fehlten den Filmemachern auch die materiellen Voraussetzungen. Das zentrale Entwicklungslabor und die sowjetische Super-8-Kamera Quarz mit ihrem Federmechanismus limitierten die Ausdrucksmöglichkeiten. So zielte die Arbeit eher auf ein Neuerfinden von Narrationen als auf rein formalen Avantgardismus.
Den Mut zum Skandal schloß das nicht aus: di Roes „7 x 7 Tatsachen …“ gipfelt schließlich in einer Nummer, die John Waters alle Ehre machen würde. Am Höhepunkt des 17minütigen Films stellt sich der verruchte Poet auf ein Hausdach, uriniert auf ein Stück Kuchen und schlingt es danach in sich hinein. Da staunte auch die Stasi, die sich sonst mehr für die Versammlungen und Gruppenbildungen rund um die Filme interessierte: „Zu sehen waren verwirrende und extreme Szenen…“ Solch ein Urteil über seine Arbeit wünscht sich ja mancher Performancekünstler heute noch.

Text: Robert Weixlbaumer

Gegenbilder. DDR-Film im Untergrund 1983 – 1989 Filme von Lutz Dammbeck, Tohm di Roes, Thomas Frydetzki, Gino Hahnemann, Cornelia Klauß, Volker Lewandowsky, Claus Löser, Cornelia Schleime, Thomas Werner;
DDR 1983-1989, Farbe und Schwarzweiß, ca. 90 Minuten;
Extra: „Die Subversive Kamera, die Super-8-Filmszene in der DDR“ von Cornelia Klauß
erschienen bei absolut MEDIEN

11.09. – 17.09 um 20.00 Uhr: Gegenbilder – Filmische Subversion in der DDR (Diverse – DDR 1982 bis 1989 – 100′ – Kurzfilme) in der Brotfabrik

Am Sonntag, den 14. September werden die meisten Filmemacher, sowie der Verleger von absolut MEDIEN Molto Menz zu der Filmvorführung anwesend sein.

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