Kino & Stream

Geheime Dienste in Venedig

Tinker, Tailor, Soldier, Spy

Die narzisstische Kränkung, dass man gerade in den abgesicherten Leitungsetagen der Geheimdienste nicht immer Herr im eigenen Haus ist, treibt das Geheimdienst-Genre immer schon um. Aber lange nicht mehr hat ein Film diesen Autoritätsverlust mit so großem Genuss inszeniert wie „Tinker, Tailor, Soldier, Spy“. In dieser starbesetzten (Gary Oldman / Szenenfoto, John Hurt, Colin Firth) und mit irrwitzigem Understatement inszenierten Neuverfilmung des gleichnamigen John-le-Carrй-Stoffes, muss die Hauptfigur gleich doppelte Arbeit leisten. Im Dekor der 60er und 70er Jahre ist Agent Smiley (Oldman) einem Verschwörungsplot der Sowjets auf der Spur, die möglicherweise einen Maulwurf im Top Floor des britischen Geheimdienstes installiert haben. Le Carrйs ikonische Figur spielt Oldman als halbdepressive Mischung aus Sherlock Holmes und Sigmund Freud, als Detektiv in eigener Sache, der Stück für Stück, unterstützt von Rückblenden des Films, das Triebgeschehen und Begehren seiner Geheimdienstfamilie als eigentlichen Motor aller Plots enthüllt. Tomas Alfredson, als Regisseur des vergleichbar unterkühlten, schwedischen Vampirfilms „Let The Right One In“ (So finster die Nacht) bekannt geworden, inszeniert das so grandios verlangsamt und vernebelt, dass selbst eine Squash-Szene aussieht, als würden sich die Protagonisten in Zeitlupe bewegen.
Während Alfredson an ganz unerwarteten Stellen Gewinn aus der Psychologie seiner Figuren zieht, und am Ende damit ausgerechnet einen Verräter findet, der seine Tat nicht moralisch, sondern ästhetisch begründet, kam dem britischen Künstler Steve McQueen in „Shame“ vielleicht ausgerechnet die eigene Perspektive auf seinen Helden in den Weg: Wie in „Hunger“ spielt auch hier Michael Fassbender die Hauptrolle, doch an Stelle der selbstmörderischen Körperkontrolle des IRA-Häftlings ist nun in „Shame“ ein grenzenloses Selbstverführungsregime getreten. Der Film eröffnet mit einem erotisierenden Spiel von Blicken in der New Yorker U-Bahn, um aus dieser ambivalenten Szene in das Porträt eines bindungslosen Mannes einzutreten, der jede Minute seines wachen Alltags mit Pornografie, Masturbation, käuflichen oder souverän in Bars herbei geführten sexuellen Abenteuern verbringt. In McQueens Perspektive offenbart sich in diesen Bildern wie bei jeder Sucht nicht Glück, sondern nur Zwang und Autoaggression, eine Dynamik, die sich verstärkt, als die Schwester des Helden in dessen kleines New Yorker Apartment einzieht. Michael Fassbinder lässt sich als Schauspieler auf dieses Spiel der Körper weiter ein als der kontrollierte Regisseur, was am Ende doch ein wenig so aussieht, als würde hier die moralische Perspektive über alle anderen obsiegen.

Text: Robert Weixlbaumer

Lesen Sie hier weitere Texte über die 68. Filmfestspiele in Venedig:

Auftakt der 68. Mostra
Filme von Polanski und Cronenberg in Venedig

Mehr über Cookies erfahren