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Hommage

„Geniale Göttin – Die Geschichte von Hedy Lamarr“ im Kino

Von Tondelayo zu Torpedos – Eine Solitärin in Hollywood und darüber hinaus: „Geniale Göttin – Die Geschichte von Hedy Lamarr“

Everett Collection

Hedy Lamarr war eine der attraktivsten Schauspielerinnen des klassischen Hollywood-Studiosystems der 1930er- und 40er-Jahre. Viele Leute hielten die 1914 als Tochter jüdischer Eltern in Wien geborene Lamarr sogar für die schönste Frau der Welt. Rund 27 Jahre währte ihre Karriere, allein fast 20 Jahre arbeitete sie in der Traumfabrik. ­Zuvor hatte sie unter ihrem richtigen Namen Hedwig Kiesler seit 1930 auch einige Filme in Deutschland und Österreich gedreht.

Doch von alledem ist nicht mehr viel in Erinnerung geblieben, allein ihr vermeintlich skandalöser Nacktauftritt als 17-Jährige in Gustav Machatýs tatsächlich gar nicht anstößigem symbolistischen Drama „Ekstase“ (1932) wirkt in der Filmgeschichte bis heute nach. Als Lamarr im Jahr 2000 im Alter von 85 Jahren starb, war sie einem breiten Publikum schon lange kein Begriff mehr. Nicht zuletzt, weil ihre Hollywoodkarriere eher unspektakulär verlief: Oft genug traf sie selbst die falsche Rollenwahl, zudem hatte man in Hollywood offenbar auch keine rechte Idee, was man mit der schönen Europäerin wirklich hätte anfangen können.

Die Rolle der netten Frau von nebenan hätte vielleicht ihre Nische sein können, doch ihr deutscher Akzent verhinderte, dass man sie als Amerikanerin besetzen konnte. Ihr blieben die mysteriösen Fremden und die schönen Exotinnen. Über ihren missglückten Auftritt als Eingeborene („I am Tondelayo“) in „White Cargo“ (1942) haben sich schon ­ganze Generationen von Filmliebhabern lustig gemacht. Nach dem Ende ihrer ­Karriere machte Lamarr dann fast nur noch negative Schlagzeilen: mit diversen Ehescheidungen, einer Reihe von missglückten Faceliftings sowie einigen Ladendiebstählen, bei denen sie angeblich erwischt wurde. Ihre letzten Jahre verbrachte sie zurückgezogen lebend in Florida. Kontakt zur Außenwelt hielt sie in der Regel per Telefon.

Vielleicht wäre Lamarr ganz vergessen, hätte sie gegen Ende ihres Lebens nicht noch einmal Aufmerksamkeit auf einem ­Gebiet be­kommen, das man gemeinhin nicht mit ­Hollywood-Stars in Verbindung bringt: In den 90er-Jahren erhielt sie eine Reihe von Wissenschaftspreisen für ihre Erfindung eines Torpedoleitsystems, das sie gemeinsam mit dem Avantgarde-Komponisten Georges Antheil während des Zweiten Weltkriegs hatte patentieren lassen. Das Prinzip des ständigen ­Frequenzwechsels bildet heute die Grund­lage für Techniken wie Mobiltelefon, Wi-Fi und Bluetooth.

All dies kommt natürlich auch in dem ­Dokumentarfilm „Geniale Göttin – Die ­Geschichte von Hedy Lamarr“ zum Tragen, in dem die US-Regisseurin Alexandra Dean Leben und Wirken der Schauspielerin mit exzellentem Fotomaterial, vielen Gesprächspartnern und Auszügen aus einem unveröffentlichten Telefoninterview nachzeichnet. Dean präsentiert Lamarr dabei vor allem als emanzipierte Frau, deren Drang nach Freiheit sich in den vielen Brüchen ihrer Lebensgeschichte widerspiegelt. Doch Hedys Schicksal war es, unverstanden zu bleiben – jeder sah in ihr immer nur das schöne Gesicht.

Jedenfalls interpretiert Dean die Lebensgeschichte der Schauspielerin auf diese ­Weise – ob sie dabei nicht auch überprüfbare Fakten ganz bewusst mit den vielen über Lamarr ­kursierenden Anekdoten verwechselt, die von PR-Abteilungen, Autobiografie-Ghostwritern und Lamarr selbst in die Welt gesetzt wurden, sei dahingestellt. Dass viele Dinge in Lamarrs Leben wohl eher verworren und obskur waren, macht den gradlinig daherkommenden ­Dokumentarfilm angreifbar, den Blick auf das unangepasste und vielleicht wirklich unverstandene Leben eines Hollywood-Stars aber nicht weniger unterhaltsam.

Geniale Göttin – Die Geschichte von Hedy Lamarr USA 2017, 88 Min., R: Alexandra Dean, Start: 16.8.

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