Kino & Stream

George Clinton im Astra Kulturhaus

George Clinton

Es gibt auf YouTube ein Video, das man nicht mehr aus dem Kopf kriegt, wenn man es einmal gesehen hat. Ein Dutzend Musiker toben im Central Park und am Times Square, sind wild bemalt oder maskiert und sehen wie Ledernacken, Voodoo-Priester, palästinensische Kämpfer oder altrömische Gladiatoren aus. Sie tanzen und verrenken sich zum Song „Cosmic Slop“ von der Band Funkadelic. Heute wird man in New York mit Sicherheit von der Polizei abgeführt, wenn man in aller Öffentlichkeit so einen Zirkus aufführt. In den Siebzigern war das anders. Es war die Dekade, in der sich die Schwarzen nichts mehr verbieten ließen und Ghettos jeder Art, ob nun im Kopf oder im täglichen Leben, ignorierten.
Clinton war einer der aktivsten und kreativsten Anführer in dieser Zeit. Er kam in seinem P-Funk-Imperium auf Ideen, die kein anderer hatte. Das galt besonders für seine andere große Band Parliament, in der die Einheit von Groove und außerirdischen Fantasien eine fundamentale Rolle spielte. Clinton schickte hier einen Alien namens Starchild zur Erde, der zur Verbreitung des Funk unter Erdbewohnern beitragen sollte. Sein Gegenspieler war Sir Nose D’Voidoffunk, ein sich viel zu cool gebender und bewegungsunwilliger Kopfmensch. Das Album, auf dem von diesem Abenteuer erzählt wird, heißt „Funkentelechy vs. The Placebo Syndrome“. Es gehört zu den am meisten zitierten Veröffentlichungen Clintons. An zum Teil zehn Minuten dauernden Funk-Jams hat sich eine Reihe von Kollegen ein Beispiel genommen. Die Worte „urge overkill“ übernahm eine Rockband für ihren Namen und die Funk-Adepten The Gap Band und Rick James entdeckten darin Grundlagen für spätere Hits. Damit ist die Liste der Musiker, die von Clintons Vorlagen profitiert haben, noch lange nicht komplett. Prince muss in diesem Zusammenhang an erster Stelle genannt werden, aber auch die kalifornischen G-Funk-Rapper der Neunziger. Was wäre aus Snoop Dogg ohne den Clinton-Sound auf seinem Debüt „Doggystyle“ geworden? Zuvor, Mitte der Achtziger, hatte der Funk-Fanatiker die noch als Geheimtipp gehandelten Red Hot Chili Peppers mit der Produktion für das Album „Freaky Styley“ in die Gänge gebracht.
George ClintonNiemand wird auf die Idee kommen, den Legendenstatus des heute 73-Jährigen in Zweifel zu ziehen. Auffällig ist aber, dass ihn das Glück nach dem Electro-Funk-Meisterwerk „Computer Games“ aus dem Jahr 1982 verlassen hat. Parliament und Funkadelic gab es da schon nicht mehr, dafür häuften sich finanzielle Probleme. Man kann generell nicht behaupten, dass Musiker am Verhandlungstisch und in der Buchhaltung eine gute Figur abgeben. Bei Clinton war es aber besonders extrem. Er schaffte es einfach nicht, Organisation in sein Leben zu bringen, und machte Fehler, die er bis heute bereut. 1984 musste er Konkurs anmelden, weil er die Rechte für seine zwischen 1976 und 1983 veröffentlichten Songs an Geschäftspartner im Verlag und Management abgetreten hatte. Schätzungen zufolge verlor er aus diesem Grund Einnahmen in Höhe von 100 Millionen Dollar. Clinton hat in der Folge nichts unversucht gelassen, den Vertrag anzufechten, aber die Rechtsstreitigkeiten waren kostspielig und zogen sich zwei Jahrzehnte lang hin. Vor zwei Jahren wurden überdies neue Steuerschulden in nicht unbeträchtlicher Höhe gemeldet. Ein weiteres Jahr später reichte Clinton die Scheidung von seiner Frau ein, die daraufhin selbstverständlich finanzielle Forderungen stellte. Clintons Geldprobleme scheinen kein Ende zu nehmen. Unterkriegen lässt sich der P-Funk-Vater von dem ganzen Stress zum Glück nicht. Alte Fans und jüngere Entdecker können sich bei Live-Auftritten wie jetzt an der Präsenz eines bunten Vogels erfreuen, der viel Vergnügen ohne Ende macht.

Text: Thomas Weiland

Foto oben: flickr.com / IndyDina with Mr. Wonderful

Foto unten: Jenny Risher

George Clinton, Astra Kulturhaus, Revaler Straße 99, Friedrichshain, Mo 28.7., 20 Uhr, ?VVK 40 Euro zzgl. Gebühr       

Mehr über Cookies erfahren