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Gerdas Schweigen

In dem Buch „Gerdas Schweigen“ beschrieb der Radiojournalist Knut Elstermann vor drei Jahren das Schicksal einer jüdischen Freundin seiner Großmutter. Gerda Schrage aus Prenzlauer Berg versuchte, im Berliner Untergrund den Nazis zu entgehen, wurde verraten und 1944 nach Ausch­witz deportiert. Wie sie überlebte, ist ein bitteres Wunder, eine berührende Geschichte über Mut und Widerstand angesichts der Mordmaschinerie. Lange schwieg die in die USA ausgewanderte Gerda Schrage darüber, dass sie in Auschwitz eine Tochter bekam, die dem KZ-Arzt Mengele zum Opfer fiel. Knut Elstermanns Drängen, ihre Biografie zu erzählen, berührt ein Kernmotiv unserer Erinnerungskultur, doch macht der Film einige der komplexen Gründe deutlich, die Gerda Schrage zum Schweigen bewogen.

Gerdas Schweigen

Die Dokumentarfilmerin Britta Wauer reiste mit dem Buchautor nach New York und gab der heute 88-Jährigen direkt das Wort. Man sieht sie vor der goldenen Herbstsilhouette ihrer Stadt, im Kreis ihrer Exilantengemeinde und in der Wohnung, in der sie seit dem Tod ihres Mannes allein lebt. Die leise Präsenz der alten Dame, ihr vorsichtig tastender Lebensbericht, aussagestarke Privat­fotos, gut gewählte historische Dokumentaraufnahmen, dazu Statements dreier Zeitzeuginnen aus Knut Elstermanns Familie und die Gespräche mit ihm selbst verdichten sich in Britta Wauers Film zu einem von der Vorlage unabhängigen, eindringlichen Porträt.
Über den Bucherfolg hinaus wirft es die Frage auf, ob die Erin­nerungsarbeit hilft, die Konfrontation mit dem Albtraum richtig ist. Selbst Knut Elstermann scheint skeptisch. Erst nachdem Gerda Schrage Berlin besucht hatte, erfuhr ihr orthodox lebender, vom Trauma des Holocaust tief gezeichneter Sohn zufällig aus dem In­ternet vom Schicksal seiner Mut­ter und Schwester. Gerdas Schweigen war auch ein Versuch gewesen, den Sohn vor der psychischen Last zu schützen, und sie war ein Schutz gegen die konservativen Wertmaßstäbe ihres Ehemanns, der ihr die Geschichte ihrer Schwangerschaft vielleicht nie verziehen hätte.

Text: Claudia Lenssen

Tip-Bewertung: Sehenswert



Gerdas Schweigen
Deutschland 2008; Regie: Britta Wauer; Farbe, 90 Minuten; Kinostart: 6. November 2008

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