Kino & Stream

Gespräch mit Jessica Chastain

Das Verschwinden der Eleanor Rigby

Als vor dreieinhalb Jahren Ralph Fiennes’ „Coriolanus“ im Berlinale-Wettbewerb lief, hatte kaum jemand eine Ahnung, wer die hübsche Rothaarige war, die darin eine Nebenrolle spielte. Ein Zustand, der nicht lange währte, setzte Jessica Chastain doch zu einem der rasantesten Karrieresprünge aller Zeiten an. Seither war sie für „The Help“ und „Zero Dark Thirty“ für den Oscar nominiert, drehte mit Terrence Malick „The Tree of Life“ und mit Al Pacino „Salomй“ und ist überhaupt jedes Jahr gleich in mehreren Filmen zu sehen. Aktuell spielt sie in Chris Nolans „Interstellar“ ebenso mit wie in dem Beziehungsdrama „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“, im Januar folgt die Titelrolle in einer Adaption von „Fräulein Julie“.

tip Miss Chastain, ursprünglich bestand „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ aus zwei Filmen а 90 Minuten, einer aus der Per­spektive der Frau, einer aus der des Mannes. Ins Kino kommt nun eine aus beiden kombinierte, zweistündige Version …  
Jessica Chastain
?Ja, leider ist das in Deutschland so. Harvey Weinstein, der nach der Weltpremiere die Rechte an dem Film kaufte, glaubte, dass diese gekürzte Fassung für einen Kinostart besser geeignet sei.    ??

tip In den USA kamen beide Versionen auf die Leinwand, oder?
Jessica Chastain Genau, darum habe ich, die ich ja auch eine der Produzentinnen des Films bin, sehr gekämpft. Und ich kann ganz schön zäh sein. Der Regisseur Ned Benson hat die kurze Fassung ja selbst geschnitten, und sie ist auch gut geworden. Aber seine – und unsere – künstlerische Version war eigentlich eine andere.

tip Hatten Sie Einfluss auf die dezidiert weibliche Perspektive, die ja immerhin 50 Prozent des Films ausmacht?
Jessica Chastain Zumindest in dem Sinne, dass ich von Anfang an in das Projekt involviert war und mich immer wieder mit Ned über die Geschichte ausgetauscht habe. Aber darum, dieser Frau unbedingt meinen persönlichen Stempel aufzudrücken, ging es gar nicht so sehr. Mir war zunächst einmal wichtig, dass sich überhaupt ein Regisseur für die weibliche Perspektive interessiert. Denn das meiste, was wir sonst im Kino zu sehen bekommen, entspricht ja immer noch dem männlichen Blick.

tip Dass Sie so früh an dem Film mitwirkten, liegt daran, dass Benson und Sie sich privat gut kennen.
Jessica Chastain Wir waren sogar früher mal ein Paar. Dadurch herrschte zwischen uns natürlich eine ganz besondere Vertrautheit. Zumindest war von Minute eins an hundertprozentige Ehrlichkeit angesagt. Wir fassten uns nicht mit Samthandschuhen an, sondern konnten uns jederzeit sagen, wenn uns irgendetwas nicht passte. Das fing schon am ersten Tag an.

tip Inwiefern?
Jessica Chastain Die Ideen sprudelten nur so aus Ned heraus, noch bevor wir mit der ersten Probe begannen. Da habe ich gleich mal einen Riegel vorgeschoben. Schließlich geht es für uns Schauspieler am Anfang erst einmal darum, selbst Angebote zu machen und sich auszuprobieren. Zu Beginn sind zu viele Anweisungen eher hinderlich. Aber bei einem mir fremden Regisseur hätte ich mich sicherlich nicht getraut, das so deutlich kundzutun.

tip Spürten Sie einen besonderen Druck, weil Benson „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ explizit für Sie geschrieben hatte?
Jessica Chastain Ein wenig ungewohnt war das schon. Aber vor allem habe ich es als ganz großes Geschenk empfunden. Denn tatsächlich ist ja alles direkt auf mich zugeschnitten. Jess Weixler, meine beste Freundin und Blutsschwester, spielt meine Schwester. Als meine Filmmutter wählte er Isabelle Huppert, weil er wusste, dass ich keine andere Schauspielerin auf der Welt mehr bewundere als sie. Viola Davis besetzte er, weil sie mir seit „The Help“ ans Herz gewachsen ist.

tip Sie erwähnten Samthandschuhe. Kommen die bei jemandem wie Huppert einfach aus Ehrfurcht dann doch noch zum Einsatz?
Jessica Chastain Das wäre doch falsch verstandener Respekt. Ich suche immer Nähe und Gespräche mit meinen Kollegen. Auch mit Isabelle. Natürlich gibt es Schauspieler, die am liebsten mit niemandem über ihre Rolle sprechen wollen. Aber bei mir ist das Gegenteil der Fall. Wahrscheinlich, weil ich vom Theater komme, wo der Ensemblegedanke herrscht.

tip Sie machen sich besonders gern für die Sache der Frauen stark.
Jessica Chastain Selbstverständlich! Wie könnte ich nicht?! Weibliche Kameradschaft ist einfach etwas Tolles! Deswegen halte ich auch immer die Augen offen nach tollen Frauenrollen. Neulich erst fragte mich ein Dramaturg in New York, mit dem ich über Theaterprojekte sprach, nach Stücken, die mir wichtig wären. Und ich habe ihm etliche aufgezählt mit vielen starken Frauenrollen. Die Einzige unter lauter Männern zu sein, ist für mich nicht wahnsinnig reizvoll.

Interview: Patrick Heidmann

Foto: 2014 PROKINO Filmverleih GmbH

Kritik, Trailer und Termine finden Sie hier

Mehr über Cookies erfahren