Kino & Stream

Gespräch mit Rainer Stefan Teil 2

Point_Blanktip: Wie viele Filme sehen sie pro Jahr, die fürs Fantasy Filmfest in Frage kommen?

Stefan: Unser Team guckt definitiv über tausend Filme pro Jahr. Es wird unglaublich viel auch direkt zu uns geschickt. Das wird vorsortiert und 95 Prozent davon laden gleich in unserer Giftkiste. Das meiste entdecken wird auf Märkten oder über die Verleger.

tip: Wann wurde das Fantasy Filmfest nicht mehr nur als eine reine Fanveranstaltung sondern als wohl kurratiertes Festival wahrgenommen?

Stefan: Das war bereits Anfang der 90er Jahre, als Filme wir „Delikatessen“ oder „Twin Peaks“ gezeigt haben. Wir haben zunehmend mehr Arthousefilme gezeigt, damit wurde das Publikum breiter. Die ersten Jahre war unser Festival eine reine Männerveranstaltung, das hat sich mit der Öffnung hin zum Arthouse verändert.  Es gibt viele Horrorfilmregisseure, die sehr ambitioniert arbeiten. Ein gutes Beispiel der beginnenden 90er Jahre ist Philip Ridleys „The Reflecting Skin“, er bedient beides.  

tip: Wie schwierig ist es für sie, kommerzielle Produktionen wie „Don’t Be Afraid of The Dark“, der von Miramax produziert wurde, für das Festival zu akquirieren?

Stefan: Sehr schwierig. Es gibt viele, wirklich sehr viele, regionale und internationaler Entscheider. Wir zeigen den Film vor dem Kinostart, darum haben wir mit vielen verschiedenen Stellen zu tun. Gerade bei Miramax, mit denen wir schon oft und gut zusammengearbeitet haben, gibt es Unmengen an Sicherheitsbedenken. Wir haben für diesen Film zwei Monate lang sehr hart gearbeitet.  

tip: Noch einmal zurück zur Retrospektive, ist das ein Thema, das sie schon oft verschoben haben?

Stefan: Früher waren sie ein fester Bestandteil des Festivals. Die letzte große Retrospektive haben wir den Shaw Brothers gewidmet, damals noch alle Filme auf 35-mm gezeigt. Retrospektiven sind aber sehr aufwendig und teuer. Oft existieren keine Kopien, man muss also die Negative suchen und davon eine Kopie anfertigen lassen. Inwieweit die Rechte geklärt sind, ist noch mal eine ganz andere Sache. Eine Retro mit fünf Filmen aufzubauen, ist mindestens so anstrengend wie unser ganzes Programm.

tip: Ihr Festival kommt als einiges der wenigen in Deutschland komplett ohne Kulturförderung aus …

Stefan: Ich glaube, wir sind sogar das einzige, das schon so lange ohne Förderung existiert. Das glaubt uns immer keiner. Andere Festivals beschäftigen oft viele Praktikanten, um das Festival überhaupt stemmen zu können. Bei uns sind alle Mitarbeiter fest angestellt.

tip: Woran liegt das?

Stefan: Wir kalkulieren sehr gut und arbeiten eng mit Sponsoren zusammen. Es liegt aber auch an unserem Konzept. Wir sind ein Wanderzirkus. Würde man das Programm und die damit verbundenen technischen Kosten nur für eine Stadt machen, würde es sich niemals rechnen.

tip: Das Publikum spielt sicher auch eine zentrale Rolle. Es gibt kein Festival, das Dauerkarten anbietet, die garantiert nach kurzer Zeit vergriffen sind …

Stefan: In Berlin waren sie nach zehn Tagen ausverkauft. Da wusste noch niemand, welche Filme genau laufen. Das ist super.

tip:Ist das Publikum in den Städten sehr unterschiedlich?

Stefan: In Städten wie München und Berlin, in denen es Festivals gibt, ist das Publikum viel offener für schräge und ungewöhnliche Sachen. In Nürnberg kommen wir damit gar nicht an. Mainstream und Splatterfilme sind dort sehr erfolgreich, das Publikum ist auch extrem jung. Frankfurt tickt ähnlich. Stuttgart ist recht arthouse-lastig. In Berlin dagegen ist das Publikum von Film zu Film sehr unterschiedlich. Aber das ist auch die Stadt. Berlin ist so filmbegeistert.

tip: Wie viele Filme auf 35-mm zeigen sie in diesem Jahr?

Stefan: Die Hälfte. Letztes Jahr waren es noch 70 Prozent, jetzt sind es 50 Prozent und im nächsten Jahr werden es nur 25 Prozent sein. Ein Jahr später ist es damit wahrscheinlich vorbei. Es ist schade, dass 35-mm zunehmend stirbt. Wir haben im Vorfeld zum Festival ein paar Pressevorführungen im Soho-Haus gehabt. Ich war ganz begeistert von dem Vorführsaal. Dort spielen sie Filme noch Aktweise mit 600-Meter-Spulen und Überblendung ab. Das macht kein Multiplex mehr. Es war wundervoll, alle sechs Rollen zu sehen. Richtige Handarbeit. Selbst der Vorführer war nervös.

Interview: Martin Daßinnies

25. Fantasy Filmfest

1 | 2 | zurück

Mehr über Cookies erfahren