Gruselfilm

„Get Out“ im Kino

Fortschritte in Sachen Rassismus? – Nur oberflächlichDas kleine schmutzige  B-Picture Get Out ist viel mehr als nur eine dahingerotzte  Horrorkomödie

Foto: Universal Pictures

Chris und Rose sind ein amerikanisches Traumpaar. Sie ist ein typisches Etepe­tete-Mädchen, er ein junger Fotograf. Sie kommt aus gutem Hause, er nicht, aber das kann die Liebe sicher wettmachen. Chris ist sensibel, Rose ist es auch, aber Chris ist noch ein wenig sensibler. Er hat gute ­Gründe dafür, denn er ist schwarz, und Rose ist weiß. Nicht, dass das heutzutage noch etwas ­bedeuten muss. Die Hautfarbe spielt für ­moderne Menschen doch nun wirklich keine Rolle mehr.
Allerdings hat Rose es versäumt, ihren Eltern diesbezüglich rechtzeitig Bescheid zu geben, und nun steht der Antrittsbesuch bei den Armitages an. Eine Standardsituation, durchgespielt in allen erdenklichen Familien­konstellationen und mit allen möglichen sexuellen Identitäten in unzähli­gen Komödien, aber auch in einem der liberalen Paradefilme Hollywoods: „Rat mal, wer zum Essen kommt“ (1967) mit Spencer ­Tracy, ­Katherine Hepburn und Sidney Poitier. Hier nun kommt Chris zum Essen, zu einer ­Gartenparty.

Jordan Peeles „Get Out“ gehört zum ­Besten, was man seit langem im amerikanischen Kino gesehen hat. Was es mit diesem in nahezu jeder Hinsicht verblüffenden Film auf sich hat, kann man am ehesten aus seiner Produktionsumgebung schließen. „Get Out“ ist ein weiterer Hit aus der Firma Blumhouse, die seit einigen Jahren mit cleveren Horrorfilmen wie „Paranormal Activity“ oder „The Purge“ von sich reden macht. Mastermind Jason Blum lässt Filme wie vom Fließband machen: Mit kleinen Budgets werden enorme Profite erzielt. Und für Witz und Tiefsinn ist dabei auch noch genügend Raum.

Dass „Get Out“ seit seiner Premiere beim diesjährigen Sundance Festival zum wohl meistdiskutierten Film der Saison wurde (und in den USA schon zu einem gigantischen Box Office-Hit), hat auch damit zu tun, dass er auf eine brillant verstörende Weise genau in den politischen Moment passt. Breitbart, die Webseite, die Donald Trump am liebsten im Alleingang ins Weiße Haus gelogen hätte, pries den Film als ein Manifest gegen die „liberale weiße Elite“. So kann man das durchaus sehen, allerdings unterschlägt man dabei die viel tiefer gehende Kritik an einem ­alltäglichen amerikanischen Rassismus, der hier eben bis in die besten Kreise reicht.

Die Armitages, die Chris einen offenen Empfang bereiten, sich dann aber als eine höchst merkwürdige Familie erweisen, ­stehen tatsächlich für das wohlhabende, gebildete Ostküstenmilieu, das mit Donald Trump oder gar seinem unappetitlichen Berater Steve Bannon nichts zu tun haben möchte.
Man würde den Film aber grob missverstehen, wenn man ihn als Satire auf die Wähler von Hillary Clinton lesen wollte. „Get Out“ lebt davon, immer neue Tabus auf groteske Weise gleichzeitig zu verletzen und zu bestätigen. Chris sieht sich als Außenseiter in einer Gesellschaft, in der alle Afroamerikaner zunehmend wie Zombies erscheinen. Besonders schlimme Figur macht einer, der sich im Dandy-Aufzug als eine Art Schoßhündchen einer dramatisch älteren weißen Dame präsentiert.

Zu der beziehungsreichen Lage von „Get Out“ trägt nicht zuletzt bei, dass Regisseur Jordan Peele nebenbei auch als Barack Obama ­bekannt wurde. Gemeinsam mit seinem ­Comedy-Partner Keegan-Michael Key spielte er in Sketches den US-Präsidenten als Ausgeburt der Vernunft, während Key neben ihm als „Anger Translator“ die ganze heimliche Wut zum Ausdruck bringt, die sich hinter der ­beherrschten Fassade verbirgt. Seit 2008 hat Jordan Peele die Präsidentschaft von Barack Obama satirisch begleitet, und nun zieht er mit „Get Out“ eine bitterböse Bilanz: Die Fortschritte, die das Land in Sachen Integration gemacht hat, sind nur oberflächlich. Dahinter verbirgt sich ein Albtraum an Rassismus und de facto an Sklaverei.

Mit der ambivalenten politischen Botschaft seines Films geht Jordan Peele aber nicht hausieren. In erster Linie ist „Get Out“ eine höchst vergnügliche Horrorkomödie, die im Detail vor Intelligenz nur so strotzt, und die auch mit einigen tollen schauspielerischen Leistungen aufwartet. Zuvorderst gilt das für Daniel Kaluuya in der Hauptrolle, und dann noch für den Komiker Lilrel ­Howery in der Nebenrolle eines Airport-Security-Mannes, der mit seinen schlimmsten Vorurteilen immer richtig liegt. Die Rolle der Rose spielt Allison Williams, bekannt aus der Serie „Girls“, wo sie als Marnie das latent langweilige, perfekte Mädchen gab. Bradley Whitford („The West Wing“) und Catherine Keener („Being John Malkovich“) glänzen als die Eltern von Rose.

Lange Zeit war der Komödienboom, den Hollywood seit Mitte der 90er-Jahre zu verzeichnen hatte, vor allem eine Angelegenheit der weißen, liberalen Elite. Leute wie Judd Apatow, Seth Rogen oder Adam Sandler prägten das Bild, während afroamerikanische Stars wie Chris Rock selten allein die große Bühne bekamen. Mit Jordan Peele gibt sich nun ein herausragendes Talent zu erkennen. „Get Out“ ist zwar dem Anspruch nach nicht mehr als ein B-Film, ein Stück schneller ­Unterhaltung, mit dem noch schnelleres Geld gemacht werden soll. Doch von diesem ­Understatement sollte man sich nicht täuschen lassen: Hier ist der amerikanische Traum von einem Kino lebendig, das kommerziell und relevant zugleich ist, und in dem Politik eine Folge radikalen Denkens darstellt.

Get Out USA 2017, R: Jordan Peele, D: Daniel Kaluuya, Allison Williams, Bradley Whitford, Caleb Landry Jones, Stephen Root, Start: 4.5.

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