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„Ginger & Rosa“ im Kino

Ginger & Rosa

Es beginnt mit dem Nuklearpilz von Hiroshima 1945 und zwei zur gleichen Zeit gebärenden Frauen in London, die sich an den Händen halten. Ihre beiden heranwachsenden Töchter halten sich als Kinder beim Schaukeln weiterhin an den Händen und sind auch als Teenager noch beste Freundinnen: Ginger (Elle Fanning) und Rosa (Alice Englert) erleben die Welt der frühen Sechzigerjahre zusammen, sie reden in der Badewanne über Jungs und über Simone de Beau­voir, sie fahren zusammen ans Meer, erleben ihre ersten Küsse und sie gehen gemeinsam zu Anti-Atomwaffen-Demos. Es ist die Zeit der Kubakrise und über allem hängt die nukleare Bedrohung.
Sally Potter entfaltet die Welt dieser Ära des Aufbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg und das politisch engagierte, künstlerisch aktive, aber keineswegs wohlhabende Milieu, in dem ihre Geschichte spielt, langsam und in farblich gedämpften Bildern. Nur das Rot von Gingers Haaren leuchtet überall und die Kamera folgt ihrem blassen, intensiven Gesicht auf Schritt und Tritt. Während die verträumte Ginger sich weiter politisiert, ist Rosa mehr an Männern interessiert, und die Geschichte spitzt sich zu, als sich Gingers Eltern trennen und Rosa mit Gingers charmantem, aber emotional komplett egoistischen Vater anbandelt.
Ginger & RosaSally Potters Filme waren immer experimentell und selten massentauglich: „Yes“ (2004), eine intensive Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Kulturkämpfe nach dem 11. September 2001, war ganz in jambischen Pentametern geschrieben; „The Tango Lesson“ (1997) war eine eigenwillige autobiografische Fiktion über die Begegnung der Regisseurin mit dem argentinischen Tango und einem seiner Stars, Pablo Verуn; selbst „Orlando“ (1992), nach dem Roman von Virginia Woolf, der Film, mit dem Tilda Swinton als transparente Ikone weltberühmt wurde, ist ein ästhetisch berückendes, aber emotional schwer zugängliches Stück. Nach ihrem letzten Werk „Rage“ (2009), einem schlecht aufgenommenen und kaum gezeigten Konzeptfilm über die Modewelt, versucht Potter mit „Ginger & Rosa“ nun ganz offensichtlich, sich einer konventionelleren Filmsprache zu bedienen und in eine etwas publikumswirksamere Zone vorzudringen.
Dazu gehört auch die erstaunlich internationale, herausragende Besetzung: von Hollywood-Kinderstar Elle Fanning, die – selbst noch jünger als ihre Rolle als 16-jährige Ginger – eine geradezu magnetische Leinwandpräsenz entfaltet, über den kurvigen rothaarigen „Mad Men“-Star Christina Hendricks als ihre frustrierte Mutter und bis zum großartig nuanciert spielenden Alessandro Nivola als Gingers Vater, einem Anar­chisten, der sich mittels seiner freigeistigen Ideen über alle gesellschaftlichen Konventionen hinwegsetzt und damit egoistisch bis zur Grausamkeit ist. „How bloody convenient“ – „wie ungeheuer bequem für dich“, wirft ihm Annette Bening an einer Stelle vor, eine weitere Hollywood-Größe in einer kleinen Nebenrolle, fast nicht wiedererkennbar als alternde lesbische Familienfreundin.
Trotz der Starschauspieler und der linear erzählten Geschichte ist „Ginger & Rosa“ allerdings ein selbstreflexives Potter-Stück durch und durch, und in den mittleren Teilen manchmal arg schleppend. Die emotionale Zuspitzung im letzten Teil allerdings, mit einer Kamera, die jede noch so kleine Emotion und jede einzelne Träne in Gingers Gesicht einfängt, macht aus diesem durchmischten Werk letztlich doch einen ganz tief berührenden Film.

Text: Catherine Newmark

Foto: 2013 Concorde Filmverleih GmbH

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Ginger & Rosa“ im Kino in Berlin

Ginger & Rosa, Großbritannien/Dänemark/Kanada/Kroatien 2012; Regie: Sally Potter; Darsteller: Elle Fanning (Ginger), Alice Englert (Rosa), Alessandro Nivola (Roland); 90 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 11. April

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