Dokumentarfilm

„Global Family“ im Kino

Entfremdungen und Zusammenhalt: „Global Family“ erzählt von einer weit verstreuten Familie aus Somalia

Shaash (Mitte) besucht eine somalische Auslandsgemeinde in Äthiopien
Foto: Andreas Köhler/imFilm

Das Bild eines Strandes: Sanft schlagen die Wellen des Meeres ans Ufer, darüber wölbt sich ein blauer Himmel. In der Erinnerung könnte es ein Paradies gewesen sein, doch das war das Bürgerkriegsland Somalia in den 1990er-Jahren ganz sicher nicht. Die nächsten Einstellungen führen in einen kalten deutschen Winter: Yasmin, die einst als Dreijährige aus Somalia in die Bundesrepublik kam, bereitet mittlerweile ihre eigenen Kinder auf eine Faschingsfeier vor.

Wäre in Somalia nicht der Krieg ausgebrochen, meint die Tochter des ehemaligen Kapitäns der somalischen Fußballnationalmannschaft, dann würde ihre Familie dort heute die High Society stellen. Der Papa wäre Sportminister und niemand würde sagen: diese Scheiß-Asylanten! Doch die Realität: Der Ex-Fußballstar Shaash lebt als Sozialhilfeempfänger ebenfalls in Deutschland, und auf Yasmin und ihre Kinder wurde ein fremdenfeindlicher Brandanschlag verübt.

Der Rest der Familie ist verstreut über die Welt: Shaashs Bruder Aden ist in Italien arbeits- und wohnungslos, die Mutter Imra lebt mit einem weiteren ihrer Söhne und einer 17-jährigen Enkelin in Armut in Äthiopien. Als Aden die gänzlich unrealistische Hoffnung hegt, die fast 90-jährige Mutter nach Italien zu holen, und zugleich klar wird, dass Imra nicht länger in Äthiopien bleiben möchte, begeben sich Shaash, Yasmin und ihre Töchter nach Addis Abeba, um vor Ort eine Lösung zu finden.

Eine zu erwartende Zukunft

Der kluge Dokumentarfilm von Melanie Andernach und Andreas Köhler folgt den Familienmitgliedern durch ihren Alltag, bleibt nah an ihren lebhaften Diskussionen über die Vergangenheit und die Hoffnungen auf die Zukunft. Man versucht, irgendwie im Sinne der Familie zu handeln – und verzweifelt am Frust über die eigene Hilflosigkeit.

Foto: Andreas Köhler/imFilm

„Global Family“ ist kein Film über die aktuelle Flüchtlingskrise, sondern die komplexe Analyse einer zu erwartenden Zukunft. Was passiert, wenn Familien auf der Flucht auseinandergerissen werden? Wenn sie für ihre Bezugspersonen nicht sorgen können, weil sie in ihren Asylländern nie richtig angekommen sind und lediglich von staatlichen Transferleistungen leben? Für die Mitglieder der somalischen Auslandsgemeinde in Äthiopien ist Shaash noch immer ein gefeierter Fußball-Held. Doch er ist eben auch ein deutscher Sozialhilfeempfänger, der seiner Mutter nicht helfen kann.

Der Bürgerkrieg, der die Menschen aus Somalia vertrieb, ist fast 30 Jahre her. Dass inzwischen jeder sein eigenes Leben hat, verheimlicht der Film nicht. Die in Europa gestrandete mittlere Generation genauso wie die armen Verwandten in Afrika. Man versteht einander kaum mehr, kann nichts bewegen.

Für Yasmins Kinder ist Afrika ganz weit weg: „Ist da Krieg?“, fragen sie, oder: „Gibt es da schöne Häuser?“ Dass die afrikanischen Verwandten auf dem Boden schlafen, können sie nicht verstehen. Die Gemeinschaftstoilette finden sie eklig. Irgendwann beschwert sich eines der Mädchen, dass ihre Tommy-Hilfiger-Schuhe beschmutzt wurden. Opa Shaash muss ihr erklären, dass die Leute in Äthiopien andere Sorgen haben.

Und so grausam es in diesem Moment erscheinen mag: Die Selbstverständlichkeit, mit der Yasmin und ihre Kinder sich als Deutsche sehen, und mit der sie deutsche Standards erwarten, ist eine Hoffnung für die Zukunft. Ihre Optionen auf ein besseres Leben werden sie hier wahrnehmen.

Global Family D 2018, 88 Min., R: Melanie Andernach und Andreas Köhler, Start: 28.6.
Sonderveranstaltungen: 29.6., 19 Uhr, Sputnik am Südstern, mit dem Regie-Team und einem Vertreter von Sea Watch;
30.6., 18 Uhr, fsk, 30.6., 22 Uhr, Lichtblick, mit dem Regie-Team

 

 

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