Filmkunst

Götz Valien ist der letzte Kinoplakatmaler Berlins

Kinoplakate werden heute en masse digital gedruckt, früher wurden sie von Hand gefertigt. Der Künstler Götz Valien stellt seit 30 Jahren überlebensgroße Filmplakate für die Kinos der Stadt her – doch die verschwinden zunehmend aus dem Stadtbild. Zu Besuch im Atelier bei einem der letzten Kinoplakatmaler Deutschlands.

Der Künstler Götz Valien in seinem Home-Atelier in Schöneberg. Foto: tipBerlin/Mak

Götz Valien: „Die Falten von Joaquin Phoenix zu malen, ist fast wie Landschaftsmalerei“

Am liebsten malt Götz Valien Gesichter in Nahaufnahme. Die Falten von Joaquin Phoenix’ „Joker“ als tiefe Furchen zum Beispiel, das sei fast wie Landschaftsmalerei, sagt der 64-Jährige mit den platinblondierten Haaren. Auf den Leinwänden, die kapp neun mal sieben Meter messen, findet schließlich jede Pore Platz.

Seit 30 Jahren malt der gebürtige Tiroler mit tausendfach vervielfältigbaren gedruckten Kinoplakaten um die Wette. Früher schmückten sich in der Kino-Hauptstadt noch zahlreiche Lichtspielhäuser (von denen es in den 90er-Jahren auch noch viel mehr gab als heute) mit handgemalten Plakaten. Heute ist das Filmtheater am Friedrichshain, kurz FaF, das letzte Berliner Kino, das statt mit billigen Hochglanzplakaten mit Valiens Plakatkunst aus Acrylfarbe für die aktuellen Filme wirbt. Und da an der Fassade des Friedrichshainer Kinos in letzter Zeit gebaut wurde, gab es für Götz Valien gerade monatelang keinen einzigen Auftrag.

Bis vor kurzem produzierte Valien außerdem noch die riesigen Kinoplakate für die Fassade des Kino International. Doch seit das Prachtkino auf der Karl-Marx-Allee für eine Renovierung vorübergehend geschlossen wurde, ist die Auftragslage für Berlins letzten Kinoplakatmaler noch prekärer geworden. Jetzt, wo die Fassaden des FaF wieder frei sind, kann Valien aber endlich wieder den Pinsel schwingen. Drei Plakate orderte das zur Berliner Yorck-Gruppe gehörende Kino, und Valien machte sich in seinem kleinen Home-Atelier an die Arbeit. 

Man sieht erst auf den zweiten oder sogar dritten Blick, dass dieses Filmplakat handgemalt ist. Foto: tipBerlin/Mak

Sein Home-Atelier, das ist eigentlich nur ein mittelgroßes Zimmer in Valiens Schöneberger Hinterhauswohnung, in dem Dutzende alte Dosen und Eimer voller Pinsel herumstehen. Der Boden ist mit unzähligen festgetretenen Farbklecksen übersät, den ursprünglichen Bodenbelag kann man gar nicht mehr erkennen. An den Wänden drängen sich dicht an dicht zahlreiche Leinwände, an einer Wand lehnen fast 20 Stück aneinander. Und ganz vorne steht Saoirse Ronan – überlebensgroß und mit tieftürkisen Haaren. Das Bild sieht ziemlich genauso aus wie das Original-Plakat des Films von Nora Fingscheidt „The Outrun“.

Die riesigen Kinoplakate für das Kino International fertigte Valien mithilfe einer Hebebühne an

Erst letztes Jahr hat Valien sein altes Atelier in Reinickendorf mangels größerer Aufträge aufgegeben und ist mit Leinwänden und Pinseln in seine Schöneberger Wohnung gezogen. In einer alten Remise in Reinickendorf hatte der Künstler deutlich mehr Platz und außerdem noch einen Mitarbeiter, der ihn unterstützte. Die riesigen Plakate fürs Kino International fertigte er dort mithilfe einer Hebebühne an, anders wäre er gar nicht an alle Ecken der überdimensionierten Plakate gekommen.

Das Plakat ist der Schlüssel zum Film – wenn das Plakat schlecht ist, geht auch keiner ins Kino

Götz Valien, Kinoplakatmaler

Allzu viel künstlerische Freiheit hat Valien, der hauptberuflich freischaffender Künstler ist, nicht, wenn er die Plakat-Vorlagen auf die Leinwand übertragen soll. Vom Kino bekommt Valien den Auftrag und ein gedrucktes Plakat des Films als Vorlage zugeschickt. Hier und da ein paar kleine Details oder Farbnuancen verändern, das gehe schon, aber im Großen und Ganzen soll das gemalte Plakat genauso aussehen wie das gedruckte, sagt Valien. Auch wenn seine Plakate sich stilistisch nah am Fotorealismus bewegen, sehen sie doch immer ein bisschen anders aus als die gedruckten Vorlagen.

Überlebensgroße Kinoplakate, von Hand gemalt: Götz Valien neben dem Plakat zum Film „Emilia Pérez“. Foto: tipBerlin/Mak

Valien ist diese minimale Diskrepanz sehr wichtig; seine Bilder kreierten somit einen besonderen Effekt, der die Menschen kurz innehalten lasse: „Das Plakat ist der Schlüssel zum Film – wenn das Plakat schlecht ist, geht auch keiner ins Kino.“ Seine handgemalten Plakate hätten mehr edge und würden sich dadurch von den restlichen Plakaten abheben. Bei dem Poster zum Drogenkartell-Musical von Jacques Audiard, „Emilia Pérez“, kann man diesen Effekt deutlich sehen: Auf pechschwarzem Hintergrund prangt ein knallpinkes, von Strahlen umrandetes Herz. Das Design sieht im Original schon cool aus, aber auf Valiens Leinwand leuchten die Farben richtig, das Herz springt einen fast an aus dem satten Schwarz.

Katja Schubert, Pressesprecherin der Yorck-Kinogruppe, erklärt, warum Berlins Programmkino-Kette zumindest am FaF nicht auf Valiens Kino-Kunst verzichten will: „Die handgemalten Plakate haben für uns einfach mehr Charakter und mehr Charme als geplottete PVC-Planen.“ Was nach der Renovierung des Kino International mit der riesigen Fassade passiere, sei noch unklar. Und die gemalten Plakate am Delphi Filmpalast ersetzte das Yorck-Kino kürzlich mit einer digitalen Plakatanzeige.

Götz Valien kam zufällig zum Plakate-Malen

Ende der 80er-Jahre vom Kunststudium in Wien nach Berlin gekommen – ursprünglich, um Filme zu machen –, kam Götz Valien eher zufällig zum Plakate-Malen. Das Studio Werner Werbung, damals eines von zwei Studios, die Berlin mit gemalten Plakaten versorgten, suchte Unterstützung. Was für Valien zunächst als Übergangsbeschäftigung begann, nachdem er zweimal an der Deutschen Film- und Fernseh-Akademie Berlin (DFFB) abgelehnt wurde, wurde spätestens 1997 nach dem Tod der beiden schon recht alten Plakatmaler ein dauerhafter Job. Auf einmal war der Österreicher der letzte, der in Berlin Kinoplakate malte. „In den 90ern waren Digitaldrucke noch so aufwendig und teuer, dass ich den Kinos meine Plakate sogar für weniger Geld anbieten konnte“, erinnert sich Valien.

Vielen Besuchern fällt gar nicht auf, dass die riesigen Kinoplakate an der Fassade des Kino International von Hand gemalt sind. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Valiens Arbeit ist Präzisionsarbeit. Schnell gehen muss sie aber auch: Die Aufträge von den Kinos kommen oft nur wenige Tage vor dem donnerstäglichen Kinostart. Früher habe er manchmal zwei Plakate an einem Tag geschafft, erzählt Valien. Heute brauche er für ein Plakat insgesamt drei Tage: Am ersten Tag bespannt und grundiert er die Leinwand, am zweiten malt er das Motiv, und den dritten Tag braucht er allein für die Schrift.

Durch die großen Hinterhoffenster in Valiens Schöneberger Atelier fällt nicht besonders viel Licht, aber Götz Valien malt sowieso gerne im Halbdunkeln. Die grellen Neonröhren an der Decke und den Wänden schaltet er erst ein, wenn er fast gar nichts mehr sieht. Allzu hell darf es ohnehin nicht sein, wenn Valien die groben Umrisse der Plakatvorlage mit einem Beamer auf die leere Leinwand wirft und sie mit Kohle nachzeichnet. Vorher grundiert der studierte Künstler die Leinwand, die er selbst auf einen Keilrahmen aufspannt. Wenn die Umrisse auf der Leinwand sind, arbeitet Valien zunächst mit der Spritzpistole. Das ist bei den großen Flächen, die er mit Farbe besprühen muss, effizienter, als alles mit dem Pinsel aufzutragen. Der kommt erst für den Feinschliff zum Einsatz, für kleine Details oder individuelle Gesichtsmerkmale.

Eine Lachfalte falsch platziert, ein kleines bisschen zu viel oder zu wenig Abstand zwischen den Augen – und schon erkennt man einen Schauspieler nicht mehr

Götz Valien, Kinoplakatmaler

„Es ist doch verrückt, dass wir Menschen uns anhand kleinster Details im Gesicht unterscheiden können!“, findet Götz Valien. Das macht seinen Job auch so herausfordernd: „Eine Lachfalte falsch platziert, ein kleines bisschen zu viel oder zu wenig Abstand zwischen den Augen – und schon erkennt man einen Schauspieler nicht mehr.“

Sieht sogar von Nahem aus wie das Foto-Original: das von Götz Valien gemalte Plakat zum Film „The Outrun“. Foto: tipBerlin/Mak

Gemalte Kinoplakate gibt es schon genauso lange, wie es Filme gibt: Bereits die Brüder Lumière warben damit vor 130 Jahren für ihre ersten Filmvorführungen. Schon immer gab es allerdings ein Nebeneinander von gedruckten und gemalten Plakaten. Die verschiedenen Werbeformen erfüllten jeweils unterschiedliche Funktionen: Die lithografisch gedruckten Plakate waren eher klein und warben in Schaukästen für die Filme, während handgemalte Poster großformatig in Auftrag gegeben wurden, da in so großen Dimensionen noch nicht gedruckt werden konnte.

In ganz Deutschland gibt es nur noch in Berlin, München und Bremen handgemalte Kinoplakate

So hatte auch nicht jedes kleine Filmtheater große gemalte Plakate, sie waren vielmehr ein Luxus, die sich ein Kino auch leisten können musste. Dass heute in Deutschland nur noch eine Handvoll Kinos mit Plakaten wie denen von Götz Valien werben, liegt zum Teil schlicht daran, dass es heute lange nicht mehr so viele Lichtspielhäuser gibt wie etwa in den 1950er-Jahren. Neben der Kinohauptstadt Berlin malen deutschlandweit nur noch zwei weitere Menschen Kinoplakate: in München und in Bremen.

Valiens Werke am Filmtheater am Friedrichshain. Foto: tipBerlin/Paula Schöber

In seinen mehr als 30 Jahren als Kinoplakatmaler hat Götz Valien schon über 3.000 Plakate gemalt, schätzt er. Allein davon könne man heute aber nur noch schwer leben: „Was ich mache, ist im Grunde ein rein idealistischer, fast schon ehrenamtlicher Job“, beschreibt es Valien. Über den genauen Betrag, den er für ein Kinoplakat bekommt, schweigt Valien, aber: „Es ist wenig, sehr wenig. Aber ich bin trotzdem glücklich.“ Auch wenn er von seinen ikonischen Filmplakaten allein inzwischen nicht leben kann, will Götz ­Valien weiterhin so lange wie möglich ­Kinoplakate malen.

Was mit diesen tausenden Plakaten passiert? Bis vor Kurzem übermalte ­Valien die Plakate schlicht wieder, um Platz für die nächsten Motive zu schaffen. Circa zehn Farbschichten und damit Kinoplakate schafften es auf eine Leinwand. „Irgendwann klebt aber zu viel Farbe auf dem Canvas, dann wird die Leinwand einfach zu schwer“, sagt Valien. Ein paar besonders schöne Exemplare hängen dauerhaft im FaF, aber ein privates Lager hat Valien nicht angelegt. Die Yorck-Kinos heben Valiens Plakate inzwischen auf. Schließlich werden die Schätze aus Acryl und Canvas immer rarer.


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