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Goldene Palme an Michael Haneke

Michael HanekeDie Berliner Filmproduktion X Filme kann sich über eine Goldene Palme freuen: „Das weiße Band“ von Michael Haneke, von X-Filme als größter Partner koproduziert, hat am Sonntagabend in Cannes die höchste Auszeichnung des Festivals zugesprochen bekommen. Der Österreicher Haneke bekam den Preis von Jurypräsidentin Isabelle Huppert überreicht (die selbst mit Hanekes „Die Klavierspielerin“ 2001 den Darstellerinnenpreis gewonnen hat).
Gedreht in der Brandenburgischen Provinz spiegelt „Das weiße Band“ in der Welt eines Dorfes die Wilhelminische Gesellschaft an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg wieder. Gewaltverbrechen, die Züge von rituellen Bestrafungen tragen, erschüttern die Dorfgesellschaft, in deren Figuren Haneke die Deformationen und die Rigidität der Glaubens- und Wertesysteme des autoritativen Deutschlands abbildet.
Der Große Preis der Jury ging an Jacques Audiards dichtes, stellenweise surreal überhöhtes Drama „Un Prophиte„, das den Aufstieg eines kleinen Kriminellen in der Gangsterhierarchie eines Gefängnisses verfolgt.
Neben Haneke wurde noch ein zweiter Österreicher in Cannes ausgezeichnet: Christoph Waltz bekam den Preis als Bester Darsteller für seine brillante Performance als selbstgefälliger SS-Offizier in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds„. Der Film wirft einen erfrischenden Blick auf Weltkriegsgeschichte und das Genre des Kriegsfilms, bravourös unterstützt von seinem mehrheitlich deutschsprachigen Ensemble.
Charlotte Gainsbourg erhielt für ihre Hauptrolle in Lars von Triers erfreulich hemmungsloser Psychotragikkomödie „Antichrist“ den Darstellerinnenpreis, Brillante Mendoza für sein drastisches Konzept-Stück „Kinatay“ den Regiepreis. Mendoza folgt einem jungen, korrupten Polizisten, der Zeuge der sadistischen Ermordung einer Prostituierten durch seine kriminellen Vorgesetzten wird.
Anerkennende Jury-Preise gingen an Park Chan-wook für sein einfallsreiches Vampirdrama „Bak-Jwi“ (Durst) und Andrea Arnolds Londoner Aggro-Girl-Studie „Fish Tank„.
Lou Ye wurde für seinen Film „Spring Fever„, den er trotz jahrelangem Drehverbot unter dem Radar der chinesischen Behörden realisierte, mit dem Preis fürs beste Drehbuch ausgezeichnet.
In der Nebenreihe „Un Certain Regard“ (die wie das Berlinale „Panorama“ den Wettbewerb ergänzt), gewann der Rumänische Regisseur Corneliu Porumboiu mit seinem Polizistenporträt „Politist, adjektiv“. Porumboius Film formuliert smart und mit wachsender Komplexität die Widersprüche von Gesetz, Moral und Gewissen, mit denen sich ein junger Beamter bei seinen Ermittlungen konfrontiert sieht.

Text: Robert Weixlbaumer

Die wichtigsten Preisträger der 62. Filmfestspiele von Cannes im Überblick:

Goldene Palme:
„Das weisse Band“ – Regie: Michael Haneke

Großer Preis der Jury:
„Un prophиte“ – Regie: Jacques Audiard

Bester Regisseur:
Brillante Mendoza für „Kinatay“

Jury-Preis:
„Fish Tank“ von Andrea Arnold und
„Bak-Jwi“ (Thirst/Durst) von Park Chan-Wook

Bester Darsteller:
Christoph Waltz für „Inglourious Basterds“ (Regie: Quentin Tarantino)

Beste Darstellerin:
Charlotte Gainsbourg für „Anti-Christ“ (Regie: Lars von Trier)

Bestes Drehbuch:
Mei Feng für „Chun Feng Chen Zui De Ye Wan“ (Spring Fever / Regie: Lou Ye)

Prix Vulcain:
Aitor Berenger, Sound-Techniker für „Map Of The Sounds Of Tokyo“ (Regie: Isabel Coixet)

Wettbewerb Kurzfilme

Goldene Palme
„Arena“ – Regie: Joгo Slaviza

Besondere Erwähnung:
„The Sixty Dollar Fifty Man“ – Regie: Mark Albiston und Louis Sutherland

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