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Goldener Bär geht nach Peru

Festivaljurys machen selten das, was man von ihnen erwartet. Als die internationale Berlinale-Jury am Beginn der Filmfestspiele zur Pressekonferenz bat, waren sich die professionellen Beobachter und Bären-Deuter schnell einig, auf was die Sache hinauslaufen würde: ganz klar würden Tilda Swinton und ihre Mitjuroren politische Bären verteilen. Vor wegen.
Der Große Preis der Jury ging an zwei Filme, die ganz klar keine politischen Absichten verfolgten: an das Beziehungsdrama „Alle Anderen“ der jungen Berliner Regisseurin Maren Ade und die argentinische Supermarkt- und Liebeskomödie „Gigante“ von Adriбn Biniez. Der Goldene Bär hingegen ging nicht an Politfilme wie „Storm“ (Kriegsver- brechertribunal-Drama), „Little Soldier“ (Kriegsheimkehrer-Drama), „The Messenger“ (Kriegsopfer-Drama) oder „London River“ (Terrorattentat-Drama). All die zu offensichtlich politischen Sachen hat die durchaus politisch denkende Jury nicht für siegerwürdig befunden. Stattdessen hat sie die Chance ergriffen und das Filmland Peru, das bislang ein Nischendasein fristete, auf die Karte des Weltkinos gesetzt. Einstimmig entschied die siebenköpfige Jury, „La teta asustada“ (Die Milch des Leids) von Claudia Llosa mit dem Golden Bären auszuzeichnen. Das dunkel verschlungene Drama um Vergewaltigungs- kinder bezieht sich zwar lose auf die gewalttätige, jüngste Vergangenheit Perus, doch Claudia Llosas Film ist beileibe kein Politkino.
Neben der Entscheidung, kein offenkundiges Politkino auszuzeichnen, gibt es noch einen weiteren roten Faden bei den diesjährigen Preisträgern. Die Jury hat fast nur Filme ausgezeichnet, die in der Frühschiene des Wettberwerbs liefen. Filme, die in Haupt- oder Spätvorstellung gezeigt wurden, hat sie bis auf zwei Ausnahmen („The Messenger“ und „Tatarak“) nicht beachtet. Für gute Filme ist nie zu früh.

Text: Volker Gunske

Alle Preisträger auf einen Blick:
Goldener Bär für den besten Film: „La teta asustada
Großer Preis der Jury: „Gigante“ und „Alle Anderen
Beste Regie: Asghar Farahani für „Darbareiye Elly
Beste Darstellerin: Birgit Minichmayr in „Alle Anderen“
Bester Darsteller: Sotigui Kouyatй in „London River“
Bestes Drehbuch: „The Messenger
Herausragende künstlerische Leistung: Gбbor Erdйly und Tamбs Szйkely für das Sound-Design in „Katalin Varga“
Alfred-Bauer-Preis: „Gigante“ und „Tatarak

Panorama Publikumspreis: „The Yes Men Fix the World“ von Mike Bonano und Andy Bichlbaum

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