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Gomorrha

tip Signore Garrone, Sie haben Ihren Film in der Camorra-Hochburg Scampia bei Neapel gedreht. Muss­ten Sie Schutzgeld dafür zahlen?
Matteo Garrone Nein, wir haben kein Schutzgeld bezahlt.
tip Das überrascht uns. Margarethe von Trotta enthüllte vor ein paar Jahren, dass sie für Dreharbeiten in einer sizilianischen Mafia-Hochburg Schutzgeld gezahlt habe. Auch die Dreharbeiten von „Ocean’s 13“ in Italien hat die Mafia angeblich geschützt.
Garrone Die Leute in Scampia waren uns gegenüber sehr offen und wollten gerne an dem Filmprojekt beteiligt sein. Kino hat eine große Macht und Faszination, auch in der kriminellen Welt. Kino ist etwas, was diese Leute beeinflusst, Kinohelden sind ihre Vorbilder. Und in unserem Film wollten wir ja auch nicht irgendwelche Thesen gegen die Camorra aufstellen, sondern wir wollten einen Film über sie
drehen und die Camorra von innen erzählen. Um das zu machen, war es unheimlich wichtig, die Hilfe
von den Leuten zu bekommen, die in und von diesem System leben.


tip Aber es gab doch Morddrohungen gegen den Schriftsteller Roberto Saviano, nachdem er „Gomorrha“ veröffentlicht hatte. Und Saviano hat ja auch an Ihrem Film mitgearbeitet. Da kann man sich gut vorstellen, dass die Camorra auch gegen die Verfilmung war.
Garrone Ja, mit Sicherheit hatte die Camorra was dagegen. Aber dann war es so, dass unser Erscheinen in diesem Wohnblock in Scampia wie eine Überraschung wirkte, wie eine Neuheit. Die leben in einer sehr kleinen Welt, wie in einem geschlossenen Ökosystem. Es war so, als ob der Zirkus ankommt, weil das dort eine so verschlossene Realität ist. Die Leute waren froh, mal was anderes zu sehen als sonst. Und natürlich hat es auch eine Rolle gespielt, dass wir sie wie Menschen behandelt haben, es sind dabei menschliche Beziehungen entstanden, die noch heute existieren. Vielleicht haben wir deswegen keine Probleme gehabt. Natürlich hat Roberto Saviano Probleme mit der Camorra, vor allem mit der Camorra in Casal di Principe – das ist der Ort, wo er aufgewachsen ist. Und als er das Buch dort vorgestellt hat, hat er sie direkt angegriffen und deswegen große Probleme bekommen.
tip In Ihrem Film wirkt Scampia wie ein eigenes Land. Hat der italienische Staat die Gebiete, die von der Camorra kontrolliert werden, schon aufgegeben?


Garrone Der Staat spielt eine zweifelhafte Rolle. Er interveniert immer mal wieder – man sieht das auch
in dem Film, als einmal jemand festgenommen wird. Aber meis-tens ist der Staat ein Zuschauer. Als ich dort war, ist mir Scampia fast wie ein Dschungel vorgekommen. Manchmal bekämpfen sich die Tiere des Dschungels, aber meistens beobachten sie sich aus der Ferne. Jeder hat sein Territorium, und man lässt sich gegenseitig in Ruhe. Es ist ziemlich schwierig, die Gründe zu verstehen, warum so eine Realität in dieser Dimension einfach weiterbestehen kann. Persönlich glaube ich, dass die Camorra deshalb so stark ist und auch überhaupt entstanden ist, weil die staatlichen Institutionen fehlen. Man muss bei den Bildungs- und Beschäftigungs­problemen ansetzen, sonst wird man nie in der Lage sein, dieses System zu besiegen. Die Camorra lebt davon, dass der Staat fehlt, dass die Institutionen fehlen.
tip Mit Neapel verbindet man gerne romantische Dean-Martin-Songs oder pittoreske Sophia-Loren-Filme. Es ist ein Schock, Neapel so zu sehen, wie Sie es zeigen. Das Fremdenverkehrsbüro muss Sie hassen.
Garrone Ja klar hassen sie mich alle. In gewisser Weise sieht man Neapel aber eigentlich nicht in dem Film. Die Gegenden, um die es geht, sind außerhalb, um Neapel herum. Politiker aus Neapel haben das Buch von Roberto Savia­no sehr attackiert. Das waren Leute, die Neapel regiert und in diese Situation gebracht haben. Die waren gegen das Buch und sind jetzt gegen den Film.
tip Hat das Buch von Roberto Saviano das Image der Camorra verändert?


Garrone Das war im Grunde genommen dier Anlass für den Film. Ich habe das Buch gelesen, einige Wochen, nachdem es rausgekommen ist, als es noch kein Bestseller war. Am meisten hat mich beeindruckt, wie Saviano die Camorra neu beschrieben hat, wie er die Vorstellung von ihr korrigiert hat. Daraus entstand dann eben die Idee, das Gleiche mit einem Film zu machen: so von der Camorra zu erzählen, wie es noch nie jemand gemacht hat.
tip Wie geht das?
Garrone Indem wir die Gesichter und die Atmosphäre sprechen lassen. Die Zuschauer sollten sich mittendrin fühlen und glauben, dass sie die Gerüche wahrnehen. Das war die Idee, die wir hatten. Wir wollten die Camorra von unten erzählen. Die Figuren, von denen wir erzählen, sind in den üblichen Mafiafilmen meist ganz marginal. Bei uns sind sie die die Hauptdarsteller – und die Bosse weit weg.

tip In Francesco Rosis berühmtem Mafiafilm „Die Hände über der Stadt“ aus dem Jahr 1963 heißt es im Abspann: „Die Personen und Handlungen sind erfunden, die soziale Realität hingegen ist authentisch.“ Könnte das auch ein Motto für Ihren Film sein?
Garrone Kein Zweifel, dass wäre auch ein gutes Motto für meinen Film. Es war für mich eine große Ehre, dass Francesco Rosi den Film gesehen hat und sehr mochte. Er hat mir gesagt, der Film habe für ihn einen anthropologischen Wert, was die Wahl der Gesichter angeht. Ein anderes Motto, das auch gut zu „Gomorrha“ passen würde, stammt aus „Deutschland im Jahre Null“. Wenn man am Anfang das vom Krieg zerstörte Berlin sieht, sagt Roberto Rossellini: „Diese Menschen leben in einer Tragödie, als sei dies ihr natürliches Lebenselement.“


Text
: Volker Gunske

Gomorrha Orte und Zeiten

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