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„Good Food Bad Food“ im Kino

Good_Food_Bad_FoodColine Serreau ist eine Filmemacherin, die früher einmal als Zirkusartistin gearbeitet hat. Bis heute gilt ihre schönste Sorge der Balance: Präzis treffen ihre Komödien (meist) den Punkt, an dem die sozialen und die Geschlechterverhältnisse aus dem Gleichgewicht geraten. Sie folgen einer Dramaturgie der therapeutischen Überschaubarkeit: Der Kampf muss an der Front des Privaten, in der Zweierbeziehung, beginnen. Eine ganz ähnliche dramaturgische Bewegung vollzieht auch ihr zweiter Dokumentarfilm, dessen Originaltitel „lokale Lösungen für ein globales Problem“ verspricht. Schon mit „Der grüne Planet“ hat sie vor gut anderthalb Jahrzehnten ihre bürgerliche Erregbarkeit bewiesen, in dem sie die Verheerungen der Konsumgesellschaft schildert. Nun hat sie einen empörten Propagandafilm gegen die Indus­trialisierung der Landwirtschaft gedreht und plädiert emphatisch für die Rückkehr zu einer bäuerlichen. Dazu entwirft sie eingangs in einer Montage von internationalen Expertenmeinungen ein nachgerade apokalyptisches Szenario.

In dieser zuweilen monotonen Kaskade von „talking heads“ darf kein Wort ausklingen, für sich stehen, sondern gewinnt nur in der Addition Gewicht. Den mitunter verblüffenden Einsichten muss man Glauben schenken, weil kein Einspruch gegen sie erhoben wird. Da regt sich der Verdacht, Serreaus Argumentation hätte einer Gegenposition, einer abweichenden Meinung nicht standgehalten. Die Schuldigen sind auf ihre Weise jedenfalls rasch gefunden: die Großindustrie, die nach dem Ersten Weltkrieg eine neue Verwendung für die nun ungenutzten Gifte suchte, und das Patriarchat. Den Rhythmus variiert Serreau erst, als sie Auswege aus der drohenden ökologischen Katastrophe in der Rückbesinnung auf die naturgesetzlichen Kreisläufe aufzeigt. Hier findet sie zu einer enthusiastischeren Anschaulichkeit, erkundet auch filmisch ertragreichere Alternativen. Man erfährt viel über das Leben des Bodens, die Segnungen biologischen Düngens und nicht zuletzt das fatale Ungleichgewicht zwischen Erster und Dritter Welt. An Eindringlichkeit gebricht es Serreaus Film nicht; er ist eine Herzensangelegenheit, kein Balanceakt. 

Text: Gerhard Midding

tip-Bewertung: Sehenswert“

Orte und Zeiten: „Good Food Bad Food“ im Kino in Berlin

Solutions Locales Pour Un Dйsordre Global Frankreich 2010; Regie: Coline Serreau; 113 Minuten; FSK 0;

Kinostart: 20. Januar

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