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„The Green Wave“ im Kino

The Green Wave

Ali Samadi Ahadi ist es gewohnt, fern von der Heimat zu sein. Seit er zwölf ist, lebt der gebürtige Iraner in Deutschland. Die Eltern wollten den Sohn fernhalten vom Krieg zwischen Iran und Irak. Deutschland ist für den Filmemacher längst zur zweiten Heimat geworden. Dennoch kommt sich der 38-Jährige gelegentlich vor, als sei er am falschen Ort. So war es auch im Sommer 2009, als im Iran die Präsidentschaftswahl bevorstand, und plötzlich die Chance da zu sein schien, den verhassten Präsidenten Ahmadinejad zu stürzen. Die Ereignisse betrachtete der Regisseur in Fernsehen und Internet: die Welle der Unterstützung für Gegenkandidat Mousavi, die friedlichen Massenproteste auf den Straßen Teherans. Auch als überraschend Ahmadinejad zum Sieger erklärt wurde, die erbitterten Gegenproteste blutig niedergeschlagen wurden und die offiziellen Nachrichten längst gestoppt waren, flossen die Berichte über die Geschehnisse weiter: Die Protestbewegung bloggte, twitterte, teilte sich via Facebook mit – auf freien Kanälen, denen bei keinem Volksaufstand davor eine so wichtige Rolle zukam.
The Green WaveIn seinem Film liefert Ahadi nun eine Chronologie der gescheiterten Revolution und  nahm dafür genau das als Ausgangsmaterial, was Beteiligte im Internet veröffentlicht hatten: neben Blog-Beiträgen auch wackelig gefilmte Filme und Tondokumente. Tausende solcher Texte hat Ahadi verarbeitet und zwei Erzähllinien daraus geformt, die  „The Green Wave“ zwei fingierten Protagonisten zugeordnet: bloggenden Teheraner Studenten, die ihre Erlebnisse zwischen Hoffnung, Frust, Bedrohung und Folter schildern. Ergänzt werden die weitgehend aus O-Tönen montierten Texte mit Amateurbildern, die die Brutalität der Milizen zeigen. Eine weitere, analytische Ebene bilden Interviews mit Persönlichkeiten wie der Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi oder mit exilierten Aktivisten, die konkret über Bedrohungen und Bestrafungen berichten.
The Green WaveDen stärksten visuellen Eindruck in der Revolutionsmontage aber machen animierte Sequenzen, die in ihrer grafischen Reduktion und düsteren Grundierung an Vorbilder wie „Waltz with Bashir“ und „Persepolis“ erinnern. Nicht direkt sei der Einfluss gewesen, erklärte Ahadi, Animationen zu bestimmten Blog-Beiträgen seien schlicht „die einzige Möglichkeit“ gewesen, um die Geschichte vollständig erzählen und illustrieren zu können – die auch eine Geschichte von Informationssperre und Zensur ist. Die expressiven Illustrationen des Grafikerduos Ali Reza Darwish und Ali Soozandeh begleiten besonders die späteren Kapitel des Aufstands, als Demonstranten durch die Stadt gejagt, niedergeschlagen und zu Hunderten verschleppt wurden. Der Film malt Vorgänge aus, von denen bisher nicht viel bekannt war: Verhaftungen, Einschüchterungen in Gefängnissen, die mit Folter und Vergewaltigung einhergehen, Überfälle auf Aktivisten und Wahlhelfer Mousavis. Die an den rauen Look von Street Art angelehnten Animationen erweisen sich als starke, suggestive Erzählmittel: In die reduzierte Farbpalette aus Schwarz, Weiß und der Symbolfarbe Grün sickert zunehmend Blutrot – analog zu den immer drastischeren Augenzeugenberichten.
So unverbunden die Ebenen ästhetisch auch scheinen, entwickelt der Film doch einen bemerkenswert stringenten Fluss. Die wackeligen Handyfilme aus der Mitte der Protestzüge stehen oft im produktiven Kontrast zu den nüchtern gefilmten Wortbeiträgen der Interviewpartner, die sich an nicht näher benannten Orten in der Ferne befinden. So wird auch deutlich, wie sehr die intellektuelle Elite vertrieben wurde und wird. Als „limitiert“ hat Ali Ahadi seine filmischen Möglichkeiten für „The Green Wave“ selbst bezeichnet. Andererseits prägt seine guerilla-ähnliche Arbeitsweise eine überraschend starke Bildästhetik. Sie spiegelt den „Netzwerk“-Charakter seines Sujets wider – und schlägt damit einen tief demokratischen Grundton an.

Text: Ulrike Rechel

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „The Green Wave“ im Kino in Berlin

The Green Wave, Deutschland 2010; Regie: Ali Samadi Ahadi; 82 Minuten; FSK 12

Kinostart: 24. Februar

Publikumsgespräche mit dem Regisseur am So 27.2. Hackesche Höfe (13 Uhr), Lichtblick (18.30 Uhr) und Moviemento (20 Uhr)

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