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Große Erwartungen an „Inception“

Eine Großstadt, die von unsichtbarer Hand wie ein Karton ineinander gefaltet wird. Menschen, an die Sensoren gestöpselt sind und die anderthalb Meter über dem Boden schweben. Verfolgungsjagden auf Skiern und mit Lastzügen. Ein langer Flur, in dem Leute wie in der Wäschetrommel durcheinander geschleudert werden. Rasch verfallende Hochhäuser, die ins Meer stürzen. Das sind erste Eindrücke aus Trailern und Fotos zu Christopher Nolans Science-Fiction-Film „Inception“. Kaum ein Hollywood-Film wird in diesem Jahr von Fans und Cineasten gleichermaßen sehnlichst erwartet.
Dass der eigentliche Plot trotz zahlreicher Trailer, Ausschnitte und Interviews unklar und bruchstückhaft bleibt, ist durchaus beabsichtigt. Denn wie James Cameron und J. J. Abrams weiß auch Nolan, wie man Erwartungen schürt, Be­gehrlichkeiten weckt, Spannung aufbaut. Wo Filmankündigungen sonst in zwei Minuten Anfang, Mittelteil und Happy End eines Blockbusters durchspielen, warf die „Inception“-Kampagne stetig mehr Fragen auf. Dass der Film der Presse erst wenige Tage vor Start gezeigt wird, soll wohl ein Übermaß an Analyse und Story-Plauderei verhindern.
Vielleicht ist diese Geheimniskrämerei auch ganz passend, denn Rätsel und Heimlichkeiten, soviel ist klar, stehen im Mittelpunkt der Geschichte. Die Hauptfigur ist Cobb (Leonardo di Caprio), der in das Unterbewusstsein und die Träume seiner Zielpersonen eindringt, um ihnen ihre Geheimnisse zu stehlen. Cobb ist ein Meister dieser gefährlichen Arbeit am Rande des Wahnsinns, doch für seinen neuen, letzten Auftrag soll er keine Informationen stehlen, sondern eine Idee in den Kopf eines Anzugträgers (Cilian Murphy) einpflanzen. Aber Cobb und sein Team (Joseph Gordon-Levitt, Ellen Page, Tom Hardy) sind nicht allein, der Job nimmt alptraumhafte Züge an, es wird scharf geschossen. Was für eine Idee da implantiert werden soll, wer Cobbs Gegenspieler eigentlich sind und ob Cobb vielleicht selbst längst Gefangener der Traumwelten ist, muss hier offen bleiben.
Dass Nolan bei „Inception“ erneut mit psychologischen und metaphysischen Schlüsselfragen spielt, Tiefgang und Subtexte in Action-Thrill und imposante Schauwerte verpackt, gehört zu seinem Erfolgsrezept. Der Engländer ist in kaum mehr als zehn Jahren mit sechs Filmen zum gefragten Star der Branche aufgestiegen, nach frühen Erfolgen mit den vertrackten Krimi-Dramen „Following“ (1998) und „Memento“ (2000) gilt insbesondere sein Neustart der Batman-Filmreihe ab 2005 als Glanzstück. Der Fledermausmann (Christian Bale) als getriebener, selbstquälerischer Racheengel, das sonst oft grelle und banale Superhelden-Kino als düsterer, doppelbödiger Trip: Wenn sich in „The Dark Knight“ (2008) Bales’ Batman und Heath Ledger als Joker gegenübertreten, sind das nicht Strahlemann und Bösewicht, sondern zwei gleichermaßen Gestörte.
Das funktioniert auch deshalb prächtig, weil Nolan Unterhaltung sehr ernst nimmt. Bei seinen Filmen ist er mindestens Ko-Autor und -Produzent, fast acht Jahre schrieb er am Drehbuch zu „Inception“.
In der Auswahl seiner Mitarbeiter zeigt sich Nolan stets loyal: Kameramann Wally Pfister und Casting-Chef John Papsidera sind seit „Memento“ immer dabei, der Cutter Lee Smith und Schauspieler Michael Caine beispielsweise seit „Batman Begins“. Christopher Nolan arbeitet diszipliniert, seine Filme bleiben im oder unter dem Budget- und Drehplan, aber er hat auch seinen eigenen Kopf: So lehnte er etwa eine nachträgliche Überarbeitung von „Inception“ für eine 3D-Version rigoros ab, eventuelle Mindereinnahmen nimmt er dabei in Kauf. Der Regisseur von „The Dark Knight“ darf das: Über eine Milliarde Dollar hat dieser Film eingespielt, Autorenkino war selten so lukrativ.
Nach einem bislang enttäuschenden US-Filmsommer sind die Erwartungen an „Inception“ nun entsprechend hoch, bei der Produktionsgesellschaft Warner Bros. hofft man natürlich, dass sich das Budget von 170 bis 200 Mio. Dollar und ein nicht unerheblicher Werbeaufwand am Ende rentieren. Erste Kritiken, die Nolan in einer Liga mit Kubrick, Coppola und David Lean sehen wollen, stimmen optimistisch. Am Tag nach dem deutschen Start von „Inception“ wird Christopher Nolan 40 Jahre alt, dann weiß man, ob er sich und seinen Zuschauern wirklich ein Geschenk gemacht hat.

Text: Thomas Klein

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