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„The Guard“ im Kino

The Guard

Wahrscheinlich gibt es nur wenige Jobs, die ähnlich öde sind. Sergeant Gerry Boyle überwacht frühmorgens eine gottverlassene Küstenstraße im Westen Irlands. Drei junge Männer, zugedröhnt bis in die Haarspitzen, scheinen Bewegung in die Sache zu bringen. Mit Vollkaracho rasen sie an Sergeant Boyle vorbei. Doch selbst das Reifenquietschen und der dumpfe Aufprall bringen den Mann in der akkuraten Polizeiuniform nicht aus der Fassung. Gelangweilt trottet er zum Unfallwagen, stellt den Tod der drei Drogenkonsumenten fest, nimmt etwas Ecstasy aus ihren Taschen und wirft sich eine Tablette ein. Dann sagt er im trüben Morgengrauen: „What a beautiful fucking day.“
Boyle hat nicht nur einen öden Job, er leidet vor allem an der fundamentalen Langeweile und Dummheit, die ihn umgeben. Tatsächlich ist Boyle einer der größten Misanthropen des zeitgenössischen Kinos. Zu seinen nächsten Verwandten zählen der knurrende Walt Kowalski aus „Gran Torino“ und der Serienheld Dr. House. Gespielt wird Boyle von Brendan Gleeson, der seine nicht unerhebliche Körpermasse gekonnt zum Einsatz bringt. Gleeson macht aus Boyle eine schlecht gelaunte Dampfwalze, die alles platt macht. Hier wird jeder angekoffert und hochgenommen: Kollegen, Vorgesetzte, Kriminelle, Dubliner, Engländer, Iren, Amerikaner. Denn für Boyle sind alle Menschen gleich. Jeder hat das Recht, von ihm beleidigt zu werden.
In dieser Hinsicht ähnelt der Held in „The Guard“ vielleicht seinem Erfinder, dem Regisseur und Autor John Michael McDonagh. Für eine gute Pointe, würde McDonagh töten. In seinem Film lässt er keine Gelegenheit aus, um jede Art von Gag unterzubringen (außer Zoten und Fäkalwitze). Um Verwechslungen vorzubeugen: John Michael ist der Bruder von Martin McDonagh, der vor drei Jahren „Brügge sehen… und sterben?“ inszenierte, ebenfalls ein sehr komischer Film mit Brendan Gleeson in einer Hauptrolle.
The Guard„The Guard“ ist in erster, zweiter und dritter Linie eine schwarze Komödie. Nicht etwa eine Krimikomödie, ein Comedy-Thriller oder ein lustiger Polizeifilm. Die Story handelt zwar von Polizisten und Gangstern, von Mord und Drogenhandel, aber sie ist nur Nebensache. In einem korrupten Polizeiapparat ist der misanthropische Boyle der letzte ehrliche Mann. Ein Gangstertrio will einen sehr, sehr großen Drogendeal durchziehen. Irgendwas zwischen 100 und 500 Millionen Euro oder Dollar, niemand weiß das so genau. Das FBI mischt auch mit und schickt einen seiner besten Agenten nach Irland. Die beiden Außenseiter, Boyle und der FBI-Agent (Don Cheadle), werden zu Partnern wider Willen, und der Showdown in einem Hafen bei Nacht ist abgemachte Sache.
Wer mag, kann diese mäßig originelle Geschichte als Einwand gegen „The Guard“ vorbringen. Doch damit wird man dem Film nicht gerecht. Denn die Story will nicht mehr sein als ein solider Träger für einen extrem unterhaltsamen schwarzhumorigen Trip. Weitaus wichtiger als die Story sind die scharfen Dialoge, der Prärie-Sound von Calexico und die Ausstattung (ein sattgrünes Schlafzimmer, ein dunkellila Verhörraum, hellgrüne Büros – um einige Highlights zu nennen). Allein die extra für „The Guard“ komponierten Stücke von Calexico, angelehnt an das Frühwerk von Ennio Morricone, lassen den Film schwerelos abheben.
Vor allem ist da dieses unfassbar gute Ensemble. Dazu gehören zum Beispiel Liam Cunningham, Mark Strong und David Wilmot, die das schillernde Gangstertrio bilden. Im Mittelpunkt aber steht das Aufeinandertreffen von zwei herausragenden Schauspielern: Brendan Gleeson als Sergeant Boyle und Don Cheadle als FBI-Agent Wendell Everett. Gleich die erste Begegnung setzt Maßstäbe. Als der (schwarze) FBI-Agent über die (weißen) Drogenhändler referiert, platzt Boyle mit der Frage raus: „Ich dachte, nur Schwarze würden mit Drogen dealen?“ Den Rassismus-Vorwurf kontert er ungerührt mit: „Ich bin Ire. Rassismus ist Teil meiner Kultur.“ Für den FBI-Mann stellt sich schon bald die Frage, ob Boyle in Wirklichkeit saublöd oder sauschlau ist. Saugut sind in jedem Fall Gleeson und Cheadle, die in „The Guard“ zu großer Form auflaufen. In dieser Verfassung könnten die beiden selbst eine Rosamunde-Pilcher-Verfilmung zu einem Ereignis machen. (Wir empfehlen die untertitelte Originalfassung; die deutsche Synchronfassung lahmt ein wenig.)

Text: Volker Gunske

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „The Guard“ im Kino in Berlin

The Guard (Großbritannien/Irland 2010); Regie: John Michael McDonagh; Darsteller: Brendan Gleeson (Sergeant Gerry Boyle),
Don Cheadle (FBI Agent Wendell Everett), Liam Cunningham (Francis Sheehy); 96 Minuten; FSK 16

Kinostart: 22. September

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