Dokumentarfilm

„Guardians of the Earth“ im Kino

Sehr viele eckige Klammern: Sind Politiker, Diplomaten und Lobbyisten wirklich die „Guardians of the Earth“?

W-Film/ Soleil Film

1.585 eckige Klammern – das war die rele­vante Ziffer neun Tage vor dem Abschluss der großen Klimaschutzkonferenz in Paris im Jahr 2015. In eckigen Klammern („square brackets“ in der Diplomatensprache) stehen die Formulierungen, bei denen man sich noch einigen muss. Und beim Klima­schutz ist die Einigkeit nicht leicht zu erzielen, obwohl es sich um ein weltweites Problem handelt.

Der junge österreichische Dokumentarfilmer Filip Antoni Malinowski war damals in Paris vor Ort und hat die ganze Zeit gedreht. Nun kann man das Ergebnis seiner Beobachtungen sehen: „Guardians of the Earth“ erzählt davon, wie diese 1.585 Streitpunkte beseitigt werden konnten. In Paris wurde eine ehrgeizige Resolution verabschiedet, die das Ziel ausgab, die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Durchschnitt gegenüber den Daten zu Beginn der Industrialisierung zu begrenzen. Die meisten reichen Länder sprechen lieber von zwei Grad, die Ölförderländer wie Saudi-Arabien möchten ohnehin lieber noch weiter zum Thema forschen lassen, bevor sie sich auf konkrete Maßnahmen zu einer Verringerung von Emissionen einlassen.

Malinowski konnte in Paris bei Diskussionen in kleinen Kreisen und in großen Foren dabei sein. Nur zu einem der „informal informals“ konnte er sich keinen Zugang verschaffen – das sind Treffen am Rande der großen Konferenz, bei denen entscheidende Absprachen getroffen werden, um womöglich eckige Klammern zu beseitigen. Die Interessen könnten unterschiedlicher und widersprüchlicher nicht sein. Australien zum Beispiel ist sehr für Klimaschutz, meint aber vor allem durch weiter­gehende Exporte seiner („hochwertigen“) Kohle dazu beizutragen. Das ist natürlich Augen­wischerei.

Vom französischen Vorsitzenden Laurent ­Fabius abwärts stellt Malinowski wichtige Protagonisten der Verhandlungen vor. Ein Vertreter der Seychellen spricht mit besonderer Dringlichkeit, dann ist es aber vor allem ein Mann von den Philippinen, der die Verwundbarkeit vieler Entwicklungsländer durch die Klimafolgen deutlich macht. Sein Plädoyer wird durchaus gehört. Es gibt auch eine ­„ambition coalition“, und an einer Stelle wird mit großem Hallo der Schauspieler ­Arnold Schwarzenegger begrüßt, der sich auch für ambitionierte Klimaziele engagiert.

Den wirkungsvollsten Auftritt hat aber ein Mann, der erst spät dazustößt: John Kerry, damals noch Außenminister der USA, spricht eine deutliche Sprache. Seine Amtszeit endete allerdings bald darauf, und „Guardians of the Earth“ ist nicht zuletzt von der bitteren ­Ironie geprägt, dass Malinowski das letzte Wort ­Donald Trump überlassen muss. Der kündigte das mühsam verhandelte Abkommen von Paris für sein Land einseitig auf.

Konferenzen dieser Art sind ­schwerfällige Angelegenheiten. Aber gerade weil er die Nuan­cen dieser Schwerfälligkeit so gut in den Blick bekommt, zeigt Filip Antoni Malinowski eindrücklich, wie eine Weltgesellschaft unter den Bedingungen einer nach wie vor rohstoffhungrigen, hochtechnisierten Globalwirtschaft aussieht. Ein spannender und bedrückender Dokumentarfilm.

Guardians of the Earth A/D 2017, 86 Min., R: Filip Antoni Malinowski, Start: 31.5.

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