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Guido Möbius im .HBC

Guido Möbius

Vor zehn Jahren erschien „Klisten“, das erste Album von Guido Möbius. Es wirkt heute wie ein Souvenir aus einer anderen Zeit. „Damals konnte man noch das Wort Electronica in den Mund nehmen oder intimen akustischen Sound schaffen, auch unter Zuhilfenahme von Folk-Elementen. Die Welt war in Ordnung, solange nichts mit kraftprotzendem Testosteron-Rock zu tun hatte. Jetzt sieht man das nicht mehr so streng. Man kann heute schon Beats und Bässe benutzen, ohne dass man gleich in irgendwelche Raster rutscht“,  meint der Elektronikbastler. Der beschriebenen Weiterentwicklung verschließt er sich selbst keineswegs. Selten hat er seine Tracks so vielschichtig wie auf dem Album „Spirituals“ arrangiert. Mal wird gepfiffen, mal der Funk aus der zickigsten Phase von Prince verarbeitet, mal hypnotisierende Psychedelia mit Sitarklängen nachempfunden. Die wichtigste Veränderung betrifft die Benutzung von Stimmen und Texten. Früher gab es sie auf Möbius-Platten gar nicht, jetzt hört man richtigen und verfremdeten Gesang, Chöre und Kinder oder diabolisches Röcheln. In einigen Fällen sind es nicht irgendwelche Texte, sondern solche aus Gospelsongs und Spirituals. „Ich hatte das Publikum auf meinen Konzerten singen lassen und den Gesang live geloopt. Das war eine sehr intensive Erfahrung. Die wahnsinnige Energie, die auf diesen Konzerten spürte, wollte ich jetzt auch auf Platte haben“, erklärt Möbius. Auch sonst macht der Griff zum Gospel-Material Sinn. Früher wollte der Weißenseer lieber neutral bleiben. Jetzt erkennt man schon an den Titeln „Babylon’s Falling“, „The Reign Of Sin“ oder „All Evil Ways“, dass auch er die Unruhe unserer Zeit nicht einfach ausblenden kann.

Text: Thomas Weiland

Foto: Votos – Roland Owsnitzki

Doppelplattentaufe mit Guido Möbius + The Allophons, .HBC, Do 13.9., 21 Uhr, VVK: 13 Euro

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