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Guillermo del Toro über „Crimson Peak“

Guillermo del Toro

Keine fünf Minuten Gehweg entfernt befinde sich jener unheilvolle Ort, seufzt Guillermo del Toro, an dem er 2011 den vorerst bittersten Moment seiner Laufbahn erlebte. Jahre der Vorarbeit hatte er da schon in sein Traumprojekt gesteckt – eine epische Verfilmung von H.P. Lovecrafts „At the Mountains of Madness“. Tom Cruise war auf Wunsch des Studios als optimal Wahnsinniger für den Stoff an Bord, der Drehstart im Kalender rot angestrichen. Bis Universal Pictures kalte Füße bekam und beim Meeting in der Chefetage den Stecker zog. Zu riskant erschien auf einmal der Plan des Regisseurs, für sehr viel Geld „einen Horrorfilm für Erwachsene zu machen, mit echten Stars und ohne B-Movie-Schmuddel.“
Crimson PeakMan könnte es ironisch nennen, dass wir nur vier Jahre später in einer anderen Ecke des Universal Studios über „Crimson Peak“ reden – einen mit Stars wie Jessica Chastain gespickten Horrorfilm für massive 150 Millionen Dollar. Noch feilt del Toro an der Endfassung und gruselt sich vor Fehlern in der Effekt-Bearbeitung. Es geht um Geister in einer verfallenen, viktorianischen Villa, raunt der Regisseur ganz genregerecht. Und um ?Geschwister, die (einander) gefährlicher wirken als die Nähe des Übernatürlichen. Erste Ausschnitte wechseln von schauriger Opulenz zu kriechenden Kamerafahrten auf Insektennester, dass man sich in der Nachbarschaft von „Blue Velvet“ wähnt.
„‚Crimson Peak‘ ist mein erstes Drama seit ‚Pans Labyrinth'“, erklärt del Toro das riskante Projekt, „und wieder bewusst mit wenigen, aber sehr effektiven Schocks versetzt. Das Schreckliche wäre wenig wert, wenn es zu Lasten der Charaktere ginge, die auf sehr unterschiedliche Art aus dem Korsett der repressiven Ära ausbrechen wollen. Geheimnisse, sexuelle Perversion, alles kann lauern hinter diesen Fassaden. Dafür braucht es hochsensible Schauspieler wie Tom Hiddleston oder Mia Wasikowsa, die Emotionen fast heimlich kommunizieren können – und die das Budget einfach wert sind.“
In jedem Fall ist „Crimson Peak“ der kostspieligste Gruselfilm mit hartem R-rating (ab 17) in den USA seit „Schatten der Vergangenheit“ von Robert Zemeckis (Budget: 90 Mio. Dollar). Ein Ausrufezeichen für ein innig geliebtes Genre aus del Toros eigener Feder – und, selten genug, ein originärer Stoff im Einklang mit Hollywoods andauernder Event-Obsession. Guillermo del Toro hatte übrigens das „Crimson Peak“-Script schon in der Schublade, als seinerzeit die Lovecraft-Adaption kollabierte. Ebenso wie das Monster-versus-Roboter-Spektakel ?„Pacific Rim“ für den Zwölfjährigen im Mann, mit dem er Hollywood zwischendurch noch ein potentielles Franchise zimmerte, sein zweites neben „Hellboy“.
„Ich bin jetzt dreißig Jahre im Geschäft, also mein ganzes Leben als Erwachsener“, sagt er auf die Frage nach den Lehren aus Rückschlägen. „In dieser Zeit habe ich keine Ferien gemacht und viel zu wenige Sonnenuntergänge mit meiner Frau gesehen. Aber es muss so sein. Weil ich alles für meine Filme gebe, was ich habe. Wirklich alles, mein Leben. Und ist eines meiner Babys in Gefahr, tue ich alles zu seinem Schutz. Ich hätte ‚Mountains of Madness‘ in einer kompromittierten Fassung drehen können – aber lieber lasse ich es ganz. Man darf es nicht persönlich nehmen. Gehört zum Geschäft. Ich habe in Mexiko die Entführung meines Vaters erleben müssen. Da kann mich doch in Hollywood nichts mehr aus der Ruhe bringen.“
Crimson PeakAus Guillermo del Toro spricht auch das Selbstbewusstsein des mexikanischen Kinos. Er mag nicht in Spanisch gedreht haben seit dem Durchbruch mit „Pans Labyrinth“. Er hat nicht reihenweise Oscars abgeräumt wie Alfonso Cuarуn oder Alejandro Gonzбlez Iсбrritu. Aber wie vor ihm schon Robert Rodriguez eroberte er sein Publikum erst mit ?B-Movie-Material (auch im Fernsehen: „The Strain“), um den Status kreativer Kontrolle bei größeren Träumen zu erreichen. „Einmal“, leidet er noch sichtlich, „habe ich bei ‚Mimic‘ zugelassen, dass ein Second-Unit-Regisseur filmt. Nie wieder. Jeder Grashalm, jedes close-up einer Hand ist von mir – denn wenn es schief geht, trage ich ja auch die gesamte Verantwortung.“
Furcht vor ungenügenden Zahlen klingt nicht aus seinen Worten, nur die Vernunft, zu wissen, dass man am Ende gar nichts weiß in Hollywood. Del Toro arbeitet hier nur, ein beliebter und gewissenhafter Mini-Mogul ohne Ego. Der freilich nach Drehschluss wieder nach Hause fährt, nach Mexiko, wo all seine Bilder geboren sind, die betörenden und die brutalen. „Ich weiß noch, wie ich mir als Kind einen falschen Schnurrbart anklebte“, sagt del Toro, „um es im Kino an der Alterskontrolle vorbei in ‚Inferno 2000‘ zu schaffen, einen Trash-Film mit Kirk Douglas. Ich scheiterte leider! Doch seither träume ich meine eigenen Geschichten, das Medium ist egal, die Größe ist egal, alles wurzelt in der Fantasie, die mir die Leinwand als Kind geöffnet hat. Gesprochen wird oft über Geister in Mexiko, wie Sie wissen. Doch nur im Kino kann ich richtig zeigen, wie ich sie mir in meinen Alpträumen vorstellte.“

Text: Roland Huschke

Fotos: Kerry Hayes / Universal Pictures

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Crimson Peak“ im Kino in Berlin

Crimson Peak, USA 2015; Regie: Guillermo del Toro; Darsteller: Tom Hiddleston (Sir Thomas Sharpe), Jessica Chastain (Lady Lucille Sharpe) Mia Wasikowska (Edith Cushing); 119 Minuten

Kinostart: Do, 15. Oktober 2015

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