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Guo Xiaolu im Gespräch über „She, a Chinese“

Guo Xiaolutip Frau Guo, in „She, a Chinese“ erzählen Sie von der Reise einer jungen Frau aus einem chinesischen Dorf nach England. In welcher Gegend beginnt die Geschichte genau? Dort, wo Sie selber aufgewachsen sind?
Guo Xiaolu Ich bin am Ostchinesischen Meer in einem Fischerdorf aufgewachsen, wollte aber in einer Provinz drehen, die weniger entwickelt ist und dichter bevölkert und sehr hügelig. Szechuan ist eine landwirtschaftlich geprägte Provinz, in die viele Menschen kommen, die sich in den größeren Städten eine Chance auf Arbeit versprechen. Mir schwebte immer eine bestimmte Szene vor, die zeigt, wie auf dem Land das Leben oft auf der Straße stattfindet: Ein Snooker-Tisch steht ir­gendwo in der Gegend herum, dort vertreiben sich Gangs­terboys mit nacktem Oberkörper die Zeit. Es ist das Bild einer verschwendeten Jugend ohne Ziel und ohne Bedeutung. Es ist keine Langeweile aus Überdruss, sondern aus Mangel.
tip Von Ihrer Hauptfigur Li Mei sagen Sie zu Beginn, sie wäre noch nie weiter als fünf Meilen von ihrem Geburtsort weggekommen.
Guo Xiaolu Das ist auch eine Metapher. China ist ein kommunistisches Land, das kaum eine Tradition der Individualität hat. Bauern bleiben Bauern, Arbeiter bleiben Arbeiter. Dazu kommt eine gewisse moralische Verwirrung. Li Mei trägt alle diese Schichten von Identität in sich. Sie rebelliert, weil sie mit zu vielen Dingen konfrontiert ist.
tip Sie selbst haben China auch verlassen. Warum?
Guo Xiaolu Ich habe 30 Jahre in China gelebt und fünf Jahre im Westen. Persönlich sehe ich mich in einem Zustand des Dazwischen. Ich mag das Hollywood-Kino nicht, weil es leichte, kohärente Erzählungen bevorzugt. Klassisches chinesisches Kino wiederum ist statisch und steckt in der Vergangenheit fest. Ich wollte ein Kino finden, das subjektiv und persönlich ist, weder Hollywood noch klassisch chinesisch. Das kann ich am bes­ten auf meinen literarischen Hintergrund beziehen.
tip Li Mei scheint vieles einfach hinzunehmen, und dann zieht sie irgendwann ohne viele Worte die Konsequenz und bewegt sich weiter. Ist das, was als Ausdruckslosigkeit erscheinen könnte, etwas spezifisch Chinesisches?
Guo Xiaolu Vielleicht ist diese Suche nach einem Ausdruck schon eine westliche Sichtweise. Hier ist man an physischen Ausdruck gewöhnt, viele Leute verehren das Method-Acting. Chinesen zeigen ihre Emotionen weniger. Realität ist immer eine des Geistes, sie ist also immer auch von der Umgebung abgetrennt. Li Mei steht für eine chinesische Generation, geboren in den 80er Jahren, vollständig von der feudalen und der kommunis­tischen Tradition ab­geschnitten, total in der kapita­lis­tischen Gesellschaft verloren. Wo sie konkret hingerät, wen sie liebt, das ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass sie weitersucht, dafür steht das Bild des Meeres. Sie gewinnt allmählich ein Bewusstsein, ein individuelles Wesen.

Interview: Bert Rebhandl 

Lesen Sie das vollständige Interview im aktuellen tip 04/10 auf den Seiten 78-79.

Lesen Sie hier: „She, a Chinese“ im Kino in Berlin

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