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Gustave de Kervern inszeniert „Louise Hires a Contract Killer“

Louise- MichelAufgebracht laufen die Arbeiterinnen durch die leer geräumten Fabrikhallen. Der Boss der kleinen Textilfabrik, der ihnen am Vortag noch nagelneue Arbeitskittel mit aufgesticktem Monogramm geschenkt hatte, hat sich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mitsamt allem Material und den Maschinen davongemacht, um in einem Billigland noch profiteffizienter produzieren zu können. Aber die empörten Delokalisierungsopfer haben nicht die geringste Lust, wie geduldige Schafe in der wirt­schaft­lich ohnehin bereits schwer angeschlagenen nordfranzösischen Provinz auf die Almosen der Arbeitslosenhilfe zu warten, sondern sinnen stattdessen auf Rache. Frei nach der Devise „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ werfen sie ihre Ersparnisse in einen Topf, um einen Killer anzuheuern, der den Ex-Boss einfach umlegen soll.
Der Vorschlag kommt von Loui­se (Yolande Moreau), einer be­ängstigend massiven Arbeiterin mit schleppendem Gang, mühsamer Diktion und, wie es sich herausstellen soll, einer komplexen Vergangenheit. Louise hat auch schon einen Kandidaten an der Hand. Der Mann der Tat heißt Michel (Bouli Lanners), er besitzt einen Revolver und lebt in einem nahe gelegenen Trailer-Park mit einem Freund, der seine Zeit damit verbringt, im Garten kleine Flugzeuge in eine Replik des World Trade Centers zu dirigieren.

Aber so einfach, wie es sich die Textilarbeiterinnen gedacht haben, ist es nun auch wieder nicht, die verschleierten Mechanismen des Wirtschaftsliberalismus zu durchblicken und die für ihre Misere Verantwortlichen im Dschungel des globalisierten Kapitalis­mus aufzuspüren. Dessen verschlungene Wege führen die beiden Rächer der Geächteten schließlich zu den idyllisch gelegenen Millionärsvillen auf der Steuerparadies-Insel Jersey.

„Wir wollten einen Film über die Verlierer des Ultraliberalismus machen, für die sich alle Werte und Identitäten auflösen“, so Benoоt Delйpine und Gustave de Kervern, die sich bereits mit ähnlich lustvoll subversiven Komödien wie „Aaltra“ einen Namen gemacht haben. Von diesen Verlierern gibt es im von Rezessionen und sozialen Krisen gebeutelten Frankreich tagtäglich mehr. Aber die von den massiven Entlassungswellen bedrohten Arbeiter haben nicht nur auf der Leinwand die Nase voll. Sie fangen an, sich mit durchaus handfesten Methoden zu wehren. Auch deshalb ist „Louise Hires a Contract Killer“, dessen französischer Titel „Louise-Michel“ eine augenzwinkernde Referenz auf die bis heute von den Anarchisten verehrte rote Madonna und Heldin der Pariser Commune suggeriert, ein politisch brisanter Film. Kervern und Delйpine zelebrieren den Klassenkampf zwar als Bur­leske, aber dabei denunzieren sie mit ätzendem schwarzen Humor auch effektvoll die Perversionen eines total aus dem Ruder gelaufenen Wirtschaftsliberalismus.

Text: Barbara Lorey

tip- Bewertung: Sehenswert

Louise hires a contract killer) im Kino in Berlin
Frankreich 2008; Regie: Gustave de Kervern und Benoоt Delйpine; Darsteller: Yolande Moreau (Louise), Bouli Lanners (Michel), Sylvie van Hiel (Sylvie); Farbe, 95 Minuten
Kinostart: 24. September

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