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„In guten Händen“ im Kino

In_guten_Haenden_c_Senator_FilmDass die Menschheit, kaum hatte sie den Strom erfunden, auch den Vibrator entwickelte (als fünftes elektrisches Gerät für den Hausgebrauch, nach der Nähmaschine, dem Ventilator, dem Toaster und dem Wasserkocher), ist einer der besseren Treppenwitze der Geschichte – zumal wir es hier ausgerechnet mit den als prüde verschrienen Viktorianern zu tun haben, deren Verhältnis zur weiblichen Sexualität reichlich absurd war. So diagnostizierten Nerven- und Frauenärzte Ende des 19. Jahrhunderts bei Frauen für alle möglichen Beschwerden gerne „Hysterie“ (auch Sigmund Freud interessierte sich eine Weile für diese „Krankheit“). Und eine der gängigen Behandlungsmethoden (neben der Entfernung der Gebärmutter für besonders schwere Fälle) war die genitale Massage durch den Frauenarzt. Wirklich. Nicht nur lässt sich also die Entdeckung der Klitoris auf weit vor Alice Schwarzer datieren; nein, für die bürgerliche Viktorianerin gab es offensichtlich auch das, was heute, trotz noch so vieler RTL-Dokus über Callboys, nur schwer zu bekommen ist: die Möglichkeit, sich einen schnellen Orgasmus zu kaufen – beim Arzt ihres Vertrauens.

Kaum zu glauben, dass darüber nicht schon längst mehrere Komödien gedreht worden sind. „Hysteria“ füllt nun diese Lücke. Der Film handelt vom jungen idealistischen Arzt Dr. Granville (Hugh Dancy), der nach dem Scheitern seiner sozialreformerischen medizinischen Ambitionen als Assistent in der Frauenarztpraxis von Dr. Dalrymple arbeitet, woselbst er eine brave Tochter – die falsche – und eine revoluzzerische (Maggie Gyllenhaal) kennenlernt, die natürlich die richtige ist. Aufgrund seines manuellen Gewerbes leidet er bald unter argen Überlastungskrämpfen der Hand, was wiederum seinen Erfindergeist anregt. Als Mischung aus historischem Kostümfilm und fröhlicher Sexkomödie ist der Film allein schon aufgrund seiner abstrusen Thematik ziemlich lustig. Schade, dass die Drehbuchautoren ihn trotzdem unbedingt in die bleierne „Boy meets Girl“-Form gießen mussten – zumal die beiden Hauptdarsteller Hugh Dancy und Maggie Gyllenhaal keinerlei Chemie miteinander haben, was er mit unterkühltem, sie mit überdrehtem Schauspiel vergeblich auszugleichen versuchen.

Text: Catherine Newmark

Foto: Senator Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „In guten Händen“ im Kino in Berlin

Hysteria Großbritannien 2011; Regie: Tanya Wexler; Darsteller: Maggie Gyllenhaal (Charlotte Dalrymple), Hugh Dancy (Mortimer Granville), Jonathan Pryce (Dr. Dalrymple); 100 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 22. Dezember 2011

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