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„Habemus Papam“ im Kino

Habemus Papam

Der italienische Regisseur Nanni Moretti ist zweifellos einer der großen Chronisten seines Landes. Seine oft bitteren Komödien und Satiren sind Bestandsaufnahmen der politischen und sozialen Strömungen Italiens in den letzten 30 Jahren: Der offensichtlichste Feind war Berlusconi, aber auch Morettis Selbstpositionierung als linker Intellektueller und die gelegentliche Ratlosigkeit, die damit einherging, spielte dabei stets eine Rolle.
In seiner jüngsten Komödie „Habemus Papam“ widmet sich Moretti nun der römisch-katholischen Kirche und damit einer weiteren In­stitution mit großem Einfluss auf das Land. Allerdings interessieren Moretti hier nicht so sehr die Inhalte, er packt die Kirche bei ihrer Form, den rigiden Riten und Inszenierungen von bunt verkleideten, alten Männern. Genüsslich entwickelt der Regisseur dazu ein Worst-Case-Szenario: Der frisch gewählte Papst, ein Kompromisskandidat namens Melville (Michel Piccoli), fühlt sich dem Amt nicht gewachsen und weigert sich, auf den Balkon zu treten, wo er den Gläubigen als neuer Pontifex vorgestellt werden soll. Der Balkon bleibt leer. Was nun? Ein Psychoanalytiker (Moretti) wird bestellt, doch auch er kann nicht helfen. Wie soll er auch, denn private Gespräche, gar über die Kindheit, die Mutter, Sexualität und Träume, sind natürlich tabu.
Bei alledem geht es Moretti keineswegs darum, seine Protagonisten zu denunzieren; im Gegenteil, die Bedenken des neuen Papstes, den der große Michel Piccoli anrührend verwirrt und zweifelnd spielt, werden durchaus ernst genommen. Eher schon sucht der Regisseur die Menschen hinter all den roten Roben, weshalb der Film die Kardinäle – gewissermaßen psychoanalytisch inspiriert – in ihre Kindheit zurückschickt: Während sich der mittlerweile aus dem Palast geflüchtete Papst an seine jugendliche Begeisterung für das Theater zurückerinnert, nötigt der Analytiker den verbliebenen Kardinälen ein Volleyballturnier auf, dem diese mit zunehmender Begeisterung nachgehen. Die Grundstimmung des Film bleibt dabei liebenswert heiter mit einem Schlag ins Absurde – doch Morettis Kritik an überkommenen Traditionen, hinter denen die Menschlichkeit zu verschwinden droht, versteht man auch ohne Schärfe.

Text: Lars Penning

Foto: PROKINO Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Habemus Papam“ im Kino in Berlin

Habemus Papam, Italien/Frankreich 2011; Regie: Nanni Moretti; Darsteller: Michel Piccoli (Kardinal Melville), Nanni Moretti (Psychoanalytiker), Renato Scarpa (Kardinal Gregori); 104 Minuten; FSK 0

Kinostart: 8. Dezember

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Regisseur Nanni Moretti

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