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Hagen Liebing kommentiert: Alte Musik

Hagen Liebing

Gerade habe ich es wieder auf Facebook gelesen: „Immer diese alte Musik! Hört doch mal was Neues!“ Und da frage ich mich: „Alte Musik“, was ist das eigentlich? Früher, im Musikunterricht, da verstand man darunter die Klänge von Mittelalter, Renaissance und Barock. Lauten und so weiter. Aber im Pop? Gibt es da überhaupt so etwas wie alte Musik? Wo wir uns doch längst nicht mehr an überlieferten Noten und Texten orientieren, sondern an aufgezeichneten Performances?
Denn eigentlich sind doch die alten Klänge des Pop nichts anderes als konservierte Jugend!
Eine alte Platte der Stones, von Bob Dylan, von Madonna oder David Bowie bringt uns die frische Musik von Zwanzigjährigen. Die neue Musik von den Stones, Dylan, Bowie oder Madonna hingegen wird von 70-, 60- oder 50-Jährigen gemacht – und klingt dementsprechend alt. Ich höre deswegen lieber ihre alten Platten. Oder eben neue Musiker. Aber die klingen dann oft auch wieder nur so wie die Alten, als sie noch jung waren. Da singt dann etwa Adele wie eine frische Shirley Bassey auf einer ihrer ganz alten Platten.
Warum angesichts eines fast grenzenlosen Angebotes durch Zeiten und Stile so oft die Wahl auf musikalische Antiquitäten fällt, lässt sich auch schön am Beispiel unserer Facebook-Profile erkennen. Wenn ich etwa ein altes Foto von mir dort abbilde, dann sieht man einen jungen Mann. Und wenn ich ein junges Foto nehme, dann sehe ich eher alt aus. Am Ende zählt eben doch nur, was einem gefällt.

Text: Hagen Liebing

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