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„Halbschatten“ im Kino

Halbschatten

Sommertage in Südfrankreich: Merle (herausragend: Anne Ratte-Polle) hofft, auf ihren Liebhaber Romuald (Henry Arnold) zu treffen, der in bester Küstenlage ein komfortables Appartement unterhält. Doch die Situation gestaltet sich heikler als erwartet. Denn Merle wird von keinem charismatischen Mann empfangen, der ihre Ankunft schon lange herbeigesehnt hat. Ganz im Gegenteil – vom Armbändchen verschenkenden Romuald fehlt jede Spur. Und Begegnungen mit tatsächlich Anwesenden fallen in der landschaftlich kargen, materiell aber umso vermögenderen Umgebung alles andere als herzlich aus. Plötzlich stehen zwei unbekannte Jugendliche in der Küche. Es sind Romualds Kinder, die, ähnlich wie Merle selbst, ihre Sommerferien zwischen Pinien zu verleben gedenken. Ein überrumpelndes Arrangement, für beide Parteien. Wortkarge Ablehnung trifft auf hilfloses, und doch halbherziges Bemühen. Pubertärer Widerwille kollidiert mit wohlwollendem Desinteresse. Und das Bindeglied, welches als aufklärendes Mittelstück fungieren könnte, ist höchstens als überspannte Telefonstimme präsent.
Eine wenig gelungene Aufstellung vor eigentlich traumhafter Kulisse also, die Regisseur Nicolas Wackerbarth für seine Studie ziemlich ereignisloser Antiferien gewählt hat. „Südfrankreich hat mich als Drehort interessiert, weil die Gegend von der Filmgeschichte unglaublich aufgeladen worden ist. Allerorts ist man da mit ihr konfrontiert, mit den Vorstellungen, die sie transportiert. Man fühlt sich selbst wie in einem Film. Und somit klafft auch gleich diese Lücke auf, ob sich denn der Anspruch erfüllen lässt, den fiktionale Filmhandlungen einem in den Kopf gesetzt haben.“
HalbschattenOb Merle mit einer ähnlichen Erwartungshaltung angereist ist, bleibt indessen ungeklärt. So wie die ganze Figur Merle in keiner Minute zu einer les- oder greifbaren Person zusammenwächst – und auf diese Weise doch einen Charakter verkörpert, der einem so vertraut ist wie fremd, der einem so nichtssagend wie vielschichtig vorkommt, blutleer und lebendig zugleich. Da sieht man die Enddreißigerin etwas elegisch von einer Rolle in die nächste gleiten. Sieht ihr dabei zu, wie sie sich eine Lebensoption über die andere stülpt – ohne vielleicht eine einzige ernsthaft in Betracht zu ziehen. Einmal rennt Merle durch den pittoresken Ort, um in letzter Sekunde noch den Lieblingskuchen von Geburtstagskind Emma (Emma Bading) zu besorgen. Dann sitzt sie als verkopfte Romanautorin vor ihrem Manuskript und kämpft einen bitterlichen Kampf gegen das Dröhnen eines Staubsaugers. Ein anderes Mal beobachten wir sie im Spiegel, wie sie ihren eigenen Körper bemustert. Merle als burschikoser Beau, als Autoritätsfigur, unabhängige Frau, Kameradin, Verführerin, Geliebte, Herumtreiberin. Wer ist Merle?
„Ich glaube, dass Merle einfach alles richtig machen will. Und die beste Strategie, um alles richtig zu machen, ist eben, gar nichts zu machen.“ Eine Unbestimmtheit, die Anne Ratte-Polle scheinbar willkürlich, in Wahrheit aber unglaublich exakt wiedergibt. Als Zentrum aneinandergereihter, irgendwie zufälliger Handlungen, die in ihrer Gesamtheit eine ganz eigene Schrittfolge ergeben: den Tanz der Ahnungslosigkeit. Oder wie Wackerbarth selbst prognostiziert: „‚Halbschatten‘ erzählt keine Geschichte einer Selbsterkenntnis. Merle widerfährt an den Tagen in Südfrankreich eigentlich nichts, woran sie wachsen könnte. Am Ende fiktionalisiert sie sich, poetisiert in gewisser Weise ihr Nicht-Leben. Das mündet in keine Veränderung, höchstens in ein Spiel.“ Dies zu verfolgen, ist ein großer Genuss, wenn man sich in die subtile, manchmal mysteriöse Welt aus Standbildern und nicht konsequent gelebten Fantasien begibt. Wartet man jedoch auf das einbrechende, alles ändernde Ereignis, wird man mit „Halbschatten“ nicht glücklicher, als Merle es mit ihrem Leben werden kann.

Text: Carolin Weidner

Fotos: unafilm GmbH / farbfilm Verleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Halbschatten“ im Kino in Berlin

Halbschatten, Deutschland/Frankreich 2013; Regie: Nicolas Wackerbarth; Darsteller: Anne Ratte-Polle (Merle), Emma Bading (Emma), Leonard Proxauf (Felix); 84 Minuten; FSK 0

Kinostart: 1. August

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