Horror-Remake

„Halloween“ im Kino

Gefangen in der Endlosschleife: tip-Filmautor Jörg Buttgereit über den von John Carpenter erfundenen Schlitzer mit der ­Maske und der ungebrochenen Faszination­ in der nächsten Neu­verfilmung von „Halloween“

Universal

Als John Carpenter vor 40 Jahren seinen Low-Budget-Horror-Film „Halloween – Die Nacht des Grauens“ drehte, konnte er nicht ahnen, dass er damit die Blaupause für das Subgenre des Slasher-Films und den Grundstein für ein überaus erfolgreiches Franchise vorlegen würde. Für den mit ­einem lächerlich geringen Budget von 325.000 Dollar in nur drei Wochen produzier­ten Film schrieb Carpenter als Co-Autor das Drehbuch mit dem Titel „The Babysitter Murders“, führte Regie und komponierte die minimalistische Filmmusik.

Als ich John Carpenter vor einiger Zeit in seiner Heimatstadt Los Angeles interviewte, gab sich der einflussreiche Filmemacher bescheiden: „Das Slasher-Genre und den modernen Horrorfilm hat Alfred Hitchcock schon 1960 mit ,Psychoʻ begründet. Ich habe mich nur in diese Tradition eingereiht. ,Psychoʻ war der erste moderne Horrorfilm, weil hier der Schrecken nicht mehr aus der Romantik kam und der Film nicht in einem alten gotischen Schloss spielte – obwohl das Haus des Mörders Norman Bates (Anthony Perkins) schon etwas gotisch aussieht. Hitchcock hat aus dem Bösen etwas unerwartet Alltägliches gemacht. Der geisteskranke Bates sah nicht aus wie Dracula oder Frankensteins Monster. Er war nur ein unscheinbarer Kerl, der ein Motel führte. Die erste Slasher-Szene der Filmgeschichte ist die Duschszene in ,Psychoʻ, in der Janet Leigh erstochen wird.“

Jetzt läuft mit „Halloween“ der mittlerweile elfte Teil der Halloween-Filmserie an. Es ist eine direkte Fortsetzung des Originals von Carpenter, die all die bisherigen Sequels und Reboots ignoriert. Der Film erzählt abermals die Geschichte von Michael Myers, der als Sechsjähriger seine Schwester erstochen hat und nun nach 40 Jahren am Vorabend von Halloween aus der psychiatrischen Klinik ausbricht, um scheinbar völlig emotionslos Teenager zu morden. Laurie Strode, die traumatisierte Scream-Queen von damals (wieder dargestellt von Jamie Lee Curtis, der Tocher von Janet Leigh aus „Psycho“), hat ihre ­passive Opferrolle längst abgelegt und sich während der letzten vier Jahrzehnte gründlich auf ein Wiedersehen mit dem stummen und stets maskierten Myers vorbereitet. Bewaffnet mit allerlei phallischen Hieb- und Stichwaffen will sie das Böse endlich aus ihrem Leben ver­bannen …

Wie bei allen sieben Sequels, der Neuverfilmung von Rob Zombie und deren Fortsetzung hält sich der heute 70-jährige John Carpenter bei diesem neuen Aufguss seines Klassikers vornehm im Hintergrund. Er ist lediglich als Berater aufgeführt und hat seine immer noch wirkungsvolle Filmmusik von damals erneut aufgepeppt. Wie andere Horror-Franchises („Freitag der 13.“ mit dem Machetenschwinger Jason Voorhees in der Hockeymaske; „A Nightmare on Elm Street“ mit dem verbrannten Kindermörder Freddy Krueger), die ihre Wurzeln in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren haben, steckt leider auch die Halloween-Reihe in einer inhaltlichen und formalen Endlosschleife fest. Die Handlungen und Motivationen der Filmfiguren sind mittlerweile zu vorhersehbaren Ritualen erstarrt. Als erfahrener Horrorfilmgucker fühlt man sich viel zu sicher in diesem überraschungsarmen Zitatenkino aus Schlitzer-Film-Klischees.

Carpenter beschreibt die dennoch ungebrochene Faszination für seinen maskierten ­Serienmörder so: „In meinem Drehbuch für den ersten Teil steht: Michael Myers trägt eine Maske mit einem ausdruckslosen, mensch­lichen Gesicht. Myers ist eine Figur, auf die wir unsere Ängste projizieren können. Deshalb trägt er diese ausdruckslose Maske. Es gibt eine Szene im ersten ,Halloweenʻ, die ganz interessant ist, wenn man sie im Kino mit Publikum sieht. Michael wird von einem ­Opfer für nur eine Sekunde die Maske abgezogen. Und man sieht: Es ist einfach nur ein normal aussehender Typ. Aber das Publikum schreit trotzdem auf in Erwartung dessen, was sie wohl sehen werden. Es ist die Vorstellung in unseren Köpfen, die uns Angst macht. Myers ist mittlerweile zu einer ikonischen Figur geworden, die das absolute Böse repräsentiert. Etwas, das immer wieder kommt.“

Das Gerücht, die Maske von Michael ­Myers sei dem Gesicht des Schauspielers William Shatner (der Captain Kirk vom „Raumschiff Enterprise“) nachempfunden, hat Carpenter übrigens bestätigt: „Wir hatten kein Geld, um extra eine Maske für unseren Mörder anfertigen zu lassen. In einem Scherzartikelladen auf dem Hollywood Boulevard haben wir diese billige ,Star Trekʻ-Maske von Captain Kirk gekauft. Sie sah überhaupt nicht aus wie William Shatner. Wir haben sie mit Sprühfarbe besprüht und die Augenlöcher größer geschnitten. Fertig.“

Wie alle ikonischen Horrorfiguren ist auch Michael Myers nicht totzukriegen. ­Spätestens in zehn Jahren, zum 50. Jubi­läum, wird er wieder sein Messer wetzen. Wer jetzt unbedingt einen Halloween-Film sehen will, der sollte sich vielleicht lieber das stilprägende Original aus dem Jahr 1978 nochmal ansehen. Das funktioniert und erschreckt auch nach 40 Jahren noch ungemein.

Halloween USA 2018, 109 Min., R: David Gordon Green, D: Jamie Lee Curtis, Judy Greer, Andi Matichak, Will Patton, Virginia Gardner, Start: 25.10.

31.10.,21 Uhr, City Wedding: Halloween – Die Nacht des Grauens (1978, engl. OmU)

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