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„Halt auf freier Strecke“ im Kino

Halt auf freier Strecke

„Wir glauben, dass wir alles im Griff haben, aber dann trifft es jemanden aus der Familie oder dem Freundeskreis. Das Thema Sterben begegnet einem plötzlich, und man merkt, wie es die eigenen Urängste berührt.“
An­dreas Dresen fällt es nicht schwer, über seinen Film zu sprechen. „Den Anstoß“, erzählt er, „gaben die niederschmetternden Verluste, die der Krebstod in meinem Bekanntenkreis angerichtet hat.“ Die Arbeit war eine Expedition, eine Probepassage an die Grenzen des Lebens, die ihm selbst einige Angst genommen zu haben scheint.
Er bittet mich zum Gespräch in ein Potsdamer Lokal. Der Garten, den er liebt, ist wegen herbstlicher Kälte geschlossen, und so unterhalten wir uns im rustikalen Ambiente bei Bratkartoffelduft über die Krankheit zum Tode und wie man das Unabänderliche im Kino erzählen kann. „Tote gibt es viel zu viele auf der Leinwand“, meint Dresen, „aber das Sterben, das langsame Abschiednehmen steht unter Kitschverdacht.
Halt auf freier StreckeDer titelgebende Halt auf freier Strecke trifft einen Mann um 40, der glaubt, „ein kleines Stück Glück in der Hand zu haben“, das der Regisseur seinem Protagonisten gern gönnen würde. Frank Lange (Milan Peschel) und seine Frau Simone (Steffi Kühnert) sind mit ihren Kindern (Talisa Lilly Lemke, Mika Seidel) gerade in ein Traum-Reihenhäuschen am Wiesenrand irgendwo bei Berlin eingezogen, als Frank erfährt, dass er an einem inoperablen Gehirntumor erkrankt ist und nur noch wenige Monate zu leben hat.
In dem quälend stumpfen Aufklärungsgespräch mit dem Onkologen (Uwe Träger) in der Eingangssequenz ist wie mit Händen zu greifen, dass Frank die Wahrheit nicht an sich heranlässt. Wie unter Betäubung führt er den Alltag eines Kranken weiter, der scheinbar nur unter Migräne leidet. Das Bild bricht erst, als die Familie ein Wochenende in den „Tropical Islands“ feiern will und Frank dort die Orientierung verliert. Voller Angst und Sehnsucht nach Normalität müssen sich die vier auf seine zunehmende Schwäche und die an Wahnsinn grenzenden Persönlichkeitsveränderungen einstellen.
Andreas Dresens Koautorin Cooky Ziesche fragte im Berliner Hospiz Ricam, wie andere mit solchen Schicksalsschlägen umgehen, was es vor allem mit den viel beschworenen Phasen des Sterbens auf sich hat, die letztlich darin münden, den Tod zu akzeptieren. Dresen ist davon überzeugt, dass die Palliativmedizin heute einen sanften Tod ermöglicht. „Auch wenn ein Mensch mit Gehirntumor zwangsläufig auch durch sein unberechenbares Verhalten seine Umgebung schockiert, war uns die medizinische Fallgeschichte nicht so wichtig wie die Liebeserklärung an die Familie, die zu ihm hält“, sagt er.
Eine Familie, die mithilfe des Hospizes über alle Gefühlsturbulenzen hinweg den Vater zu Hause in den Tod begleitete, wurde schließlich das Modell für „Halt auf freier Strecke“. „Die schönen, friedvollen Momente, die sie miteinander teilen, sind schwer nachzuvollziehen, solange man das Sterben verdrängt“, meint der Regisseur zu einigen heftigen Reaktionen nach der Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes. Verständnis hat er dafür, schockiert fühlt er sich dennoch von so viel Abwehr.
Halt auf freier StreckeWie Dresens Filme „Halbe Treppe“ oder „Wolke neun“ ist auch „Halt auf freier Strecke“ mit quasidokumentarischem Gestus inszeniert und von der Sympathie für seine gradlinigen Charaktere getragen. Dresen sucht das existenzielle Drama im Kleinen, porträtiert Milieus mit Berliner Zungenschlag. „Mit einem herkömmlichen Drehbuch würde man die Emotionalität zerschießen, auf die es mir ankommt“, erklärt er seine Methode. Erst am Drehort entstehen die Dia­loge aus der Situation heraus, seine Darsteller improvisieren in ihrem Alltagsslang und finden gemeinsam heraus, wohin sich die Szene entwickeln soll. Dresen gibt mit seiner Koautorin einen präzisen Rahmen vor, den die Schauspieler mit viel Eigensinn füllen.
„Als wir in dem Häuschen bei Teltow drehten, sah Milan Peschel, was sich alles nah an seinem Garten tummelte. Er erfand den Satz ‚Dies ist keine Hundewiese!‘ und wiederholte ihn völlig irre in der Szene, in der er draußen herumstolpert.“
Franks Elend kippt immer wieder in schwarzen Humor. „Wie zeigt man, was sich in seinem Kopf tut, wie desorientiert er ist?“, fragten sich die Autoren. So kommt es, dass Thorsten Merten den Mensch gewordenen Tumor verkörpert und seinen Besitzer vom Fernsehbildschirm heruntergrüßt.
Die Ärzte, Heilpraktiker und Pflegekräfte sind mal mehr oder weniger überzeugende Profis der realen Pflegeindustrie. „Da bin ich nicht wählerisch“, meint Dresen lapidar. „Es geht um die psychische Aufrüstung der Kranken, an der sich manche auch bereichern. Wir zeigen, wie ein Kranker nach jedem Strohhalm greift, selbst wenn es sich um dubiose Trance- und Visualisierungskonzepte handelt, aber wir zeigen auch, wie fürsorglich die Palliativärztin die Angehörigen
betreut.“ Dresen sieht kommen, dass er viele Fragen zu einem anderen Verständnis vom Sterben aufwirft. „Halt auf freier Strecke“ ist ein Plädoyer für eine humane Sterbekultur, doch wichtiger als solch abstrakte Schlüsse ist ihm der „Schatz der Geborgenheit“, der in seinem Film geteilt wird.

Text: Claudia Lenssen

Fotos: Pandora Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Halt auf freier Strecke“ im Kino in Berlin

Halt auf freier Strecke, Deutschland 2011; Regie: Andreas Dresen; Darsteller: Milan Peschel (Frank Lange), Steffi Kühnert (Simone Lange), Talisa Lilli Lemke (Lilli); 110 Minuten; FSK 6

Kinostart: 17. November

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