• Kino & Stream
  • „Hands On Fassbinder“ – Ein Projekt von „Revolver – Zeitschrift für Film“

Kino & Stream

„Hands On Fassbinder“ – Ein Projekt von „Revolver – Zeitschrift für Film“

Welt am Draht

Die Lücke, die der frühe Tod von Rainer Werner Fassbinder 1982 im deutschen Kino gerissen hat, lässt sich gut daran ersehen, wer inzwischen schon alles als sein möglicher Nachfolger genannt wurde (den Betroffenen erspart man besser die Nennung). Mit seiner einzigartigen Stilsicherheit zwischen kommerziellen und experimentellen Formen, mit seinem Sinn für Genres, für deren Überhöhung und Unterminierung – mit seinem kritischen Nationalkino hat Fassbinder nahezu im Alleingang die Lücke zwischen reflektiertem Autorenkino und industriellem Mainstreamfilm geschlossen.
Sein filmisches Werk ist inzwischen sehr gut erschlossen, es liegt auf DVD vor, wurde auf internationalen Retrospektiven gefeiert und auch in die Kunsträume überführt (zum Beispiel „Berlin Alexanderplatz“ in die KunstWerke). Doch wie geht man mit dieser übermächtigen, toten Antivaterfigur um? Diese Frage haben sich einige Leute von „Revolver – Zeitschrift für Film“ gestellt und schließlich unter dem Titel „Hands on Fassbinder“ ein Programm erarbeitet, das über sechs Monate laufen wird und mit einer Reihe einzelner Veranstaltungen „Diskussionen. Projektionen. Assoziationen“ zu Fassbinder (ver)sammeln wird. Auch hier werden Filme gezeigt, aber es geht nicht einfach darum, einen nach dem anderen sehen zu können, um filmhistorische Binnenbezüge herstellen zu können. Die Vorführungen sind bei „Hands on Fassbinder“ jeweils nur der Anlass für aktuelle Verzweigungen. Saskia Walker, Hannes Brühwiler und Christoph Hochhäusler, die das Programm im Detail gestaltet haben, sprechen von „Stichproben“.
Rainer Werner FassbinderEine dieser Proben wird Ende Mai, in Erinnerung an Fassbinders Geburtstag im Not- und Befreiungsjahr 1945, in Gestalt des Films „In einem Jahr mit 13 Monden“ genommen, dessen Schlüsselstellung vor einigen Jahren auch Christoph Schlingensief in seiner Inszenierung von „Rosebud“ bekundet hat – damals mit Volker Spengler in einer Hauptrolle, die sich auch so deuten ließ, dass Fassbinder in die Position eines Ursprungsmythos geraten ist, auf den hin Schlingensief natürlich nur zu einem unendlichen Regress ansetzen konnte. Auf jeden Fall ist „In einem Jahr mit 13 Monden“, dem auch Thomas Elsaesser in seiner Fassbinder-Monografie einen zentralen Stellenwert einräumt, eine gute Wahl für eine der beiden ersten Stichproben im Mai. Die gesamte Veranstaltung „Hands on Fassbinder“ wird bis November laufen und dabei monatliche Schwerpunkte wie „Geschichtsbilder“ oder „Wer liebt – Arbeiten in der Gruppe“ setzen.
Im Mai lautet der Oberbegriff „Parallel­welten“ und da liegt es nahe, mit dem einzigen Science-Fiction-Film zu beginnen, den Fassbinder gemacht hat: „Welt am Draht“ beruht auf einer Vorlage des amerikanischen Autors Daniel F. Galouye und dringt dabei ganz anders in die subjektivitätsphilosophischen Abgründe ein, die sich in dem Roman „Simulacron-3“ auftun. Am 12. Mai, also einen Tag nach der Vorführung von „Welt am Draht“ im Zeughaus Kino, wird es einen Nachmittag lang Vorträge und Diskussionen zum Thema „Parallelwelten“ geben. Der Science-Fiction-Kenner Dietmar Dath wird dabei über „RWF und die verfehlte Frage nach der Wirklichkeit“ sprechen. Am selben Abend wird es bei einem Konzert von Oliver Augst und Marcel Daemgen um den Komponisten Peer Raben gehen, ohne den viele Filme von RWF ganz und gar undenkbar gewesen wären (zum Beispiel auch ein eher unbekannteres Großwerk wie „Angst vor der Angst“).
Mit diesem „porösen“ Ansatz, wie die Programmgestalter das nennen, soll nicht zuletzt wohl sichergestellt werden, dass Fassbinder nicht einfach in den Rang eines Klassikers abgeschoben wird. Um sein Werk virulent zu halten, um sich davon „auf Draht“ bringen zu lassen (aber anders als in der „Welt am Draht“), braucht es einen handfesten, greifbaren, widerständigen Fassbinder, einen, den man bei „Hands on Fassbinder“ entdecken kann.

Text: Bert Rebhandl

Foto oben: Rainer Werner Fassbinder Foundation

Foto links: Ronald Siemoneit

Hands On Fassbinder, Diskussionen, Projektionen, Assoziationen – Ein Projekt von „Revolver – Zeitschrift für Film“ in Zusammenarbeit mit Collegium Hungaricum, der Rainer Werner Fassbinder Foundation und dem Zeughaus Kino.

www.handsonfassbinder.de

Mehr über Cookies erfahren