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Hans-Christian Schmids herausragender Thriller „Sturm“ im Kino

Hannah Maynard (Kerry Fox), eine Juristin am Internationalen Gerichtshof der UNO in Den Haag, wird Anklägerin im Prozess gegen den serbischen Ex-Offizier Duric, der bosnische Zivilisten im Bal­kan­krieg deportiert, gefoltert und getötet haben soll. Die anfangs unnahbar wirkende Karrierefrau braucht Zeugenaussagen, die der harten Prüfung im Prozess standhalten, obwohl jede Frage die Erinnerungen an Erlittenes wach ruft und die Mafia der einstigen Täter das Leben der Aussagewilligen bedroht. Bei Ermittlungen nach den Gründen für den Selbstmord eines labilen Zeugen, dessen Falschaussage ihre Prozesstaktik durcheinanderwarf, lernt sie dessen Schwester Mira (Anamaria Marinca) kennen und versucht, sie zu einer Zeugenaussage in Den Haag zu bewegen.
Hans-Christian Schmid und sein Drehbuchautor Bernd Lange dringen in ihrem Politthriller „Sturm“ tief in die kaum je beleuchtete Welt eines Justizapparates vor, der das hehre Ziel der Verbrechensaufklärung verfolgt, bei näherem Hinsehen jedoch Schauplatz abgründiger Dramen ist. Nah an den wirklichen Abläufen des seit 1993 etablierten Haager Tribu­nals recherchiert, beschreibt er die fiktive Geschichte der Hannah Maynard. Sie will Miras Aussage nutzen, um Durics Verantwortung für die Vergewaltigung bosnischer Frauen zu beweisen. Über die prozesstaktischen Erwägungen hinaus lösen Abwehr und Zorn der jungen Frau ein persönliches Mitgefühl in ihr aus.
„Sturm“ verzichtet auf actionfilmähnliche Rückblenden in die Kriegshandlungen, Massaker und Massenvergewaltigungen des Bal­kankriegs der neunziger Jahre. Seine Stärke besteht in der Konzentration auf die Nachwirkungen dieses jüngsten europäischen Krie­ges, die aus unserem öffentli­chen Bewusstsein zu verschwinden drohen. Das Haager Tribunal selbst ist nur noch auf Zeit exis­tent, denn die UNO hat dessen Auflösung Ende nächsten Jahres beschlossen.
So bezieht „Sturm“ seine Spannung auch aus dem Dilemma, dass Gerechtigkeit im Countdown gefunden werden soll und die strategischen Befriedungsinteressen der mächtigen UN-Mitgliedsstaaten bei der Wahrheitsfindung mitmischen. Hannah Maynards Vorgesetzte und ihr Liebhaber Jonas (Rolf Lassgеrd) haben längst andere Pläne zur Verfahrensverkürzung.
Die gute Prozessvorbereitung der Anklägerin, vor allem Miras allmählich gewachsene innere Bereitschaft, sich der quälenden Arbeit an der Aufklärung zu stellen, drohen an solchen politischen Entscheidungen zu scheitern. Schmids Film lebt von seiner präzisen Schauspielerführung und den beweglichen Bildern der Handkamera (Bogumil Godfrejуw). Er pendelt zwischen der kühlen Binnenwelt der UN-Bürokraten und Schauplätzen in Bosnien, Berlin und diversen Flucht­orten am Meer. Die alltäglich wirkenden Schauplätze scheinen ihre Geschichte zu verbergen. Dieser Film zwischen den Genres konfrontiert mit den Nachbeben des Balkankrieges, ohne zu moralisieren und die Erzählfreude eines guten Kinofilms zu vergessen.

Text: Claudia Lenssen

Fotos: DoP Bogumil Godfrejow

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Sturm“ im Kino in Berlin

Sturm (Storm), Deutschland/Dänemark/Niederlande 2009; Regie: Hans-Christian Schmid; Darsteller: Kerry Fox (Hannah Maynard), Anamaria Marinca (Mira Arendt), Stephen Dillane (Keith Haywood); Farbe, 103 Minuten

Kinostart: 10. September

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