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Hape Kerkeling als Horst Schlämmer in „Isch kandidiere“

18 Prozent würden, wenn es denn überhaupt ginge, Hape Kerkelings Kunstfigur bei der Bundestagswahl ihre Stimme geben – diesem unrasierten, versoffenen Provinzjournalisten im Trenchcoat und mit Herrenhandtäschchen, der in grunzendem Rheinisch Slogans unters Volk bringt wie: „Was die da oben nicht können, das kann ich auch“, „Ich verspreche Ihnen, dass ich vier Millionen Arbeitsplätze nicht schaffen werde!“ und „Ich bin liberal, konservativ und links“. Schließlich will Schlämmer – zumindest im Kino – Bundeskanzler werden – und entfachte mit seinem intensiven Wahlkampf für die fiktive Horst-Schlämmer-Partei (HSP) einen äußerst wirksamen Werberummel für den dazugehörigen Film „Isch kandidiere!„. Dafür trieb der ewige stellvertretende Chefredakteur des Grevenbroicher Tagblatts mit medialer Omnipräsenz sein Spaß-Politunwesen und grunzte und raunzte sich durch die Talk- und Nachrichtensendungen dieser Republik.
Das fertige filmische Wahlmanifest allerdings wurde zumindest der Presse bis über den Premierentag vorenthalten mit der Begründung, es sei noch nicht fertig. Anlass zur Skepsis war also durchaus gegeben, zumal das Werk in nicht einmal einem halben Jahr zusammengestückelt wurde.
Jetzt aber liegen die Karten auf dem Tisch – und tatsächlich lahmt Schlämmers Rennen um Merkels Ablösung im Kanzleramt ähnlich wie der diesjährige Bundestagswahlkampf. Mit einer Mischung aus Spielszenen und realen Begegnungen gelingt es Kerkeling und seinem Lebenspartner Angelo Colagrossi, der bei der Schlämmer-Angelegenheit so etwas wie Regie führte, nicht, den politisch ambitionierten Grevenbroicher aus dem Sketchformat zu befreien. Trotz des groben Handlungsbogens, der von der politischen Erweckung Schlämmers bis zum Wahltag reicht, ist der Film nur eine spannungsarme Aneinanderreihung von Situationen.
Das heißt allerdings nicht, dass „Isch kandidiere“ nicht auch seine witzigen Lichtblicke hätte. Die gibt es immer dann, wenn der Film sich vom lauen Drehbuch und seinen unwitzigen Nebenhandlungen mit Darstellern wie Simon Gosejohann oder Alexandra Kamp (die sich selbst als machtgeile First-Lady-Aspirantin spielt) löst.
Kerkelings Stärke ist ja bislang vor allem der spontane Überfall gewesen und davon gibt es auch hier einige: So macht er in der Fußgängerzone seine Versprechungen, drückt ahnungslosen Bürgern HSP-Fähnchen in die Hand und klappert zu Sondierungsgesprächen parteipolitisch ausgewogen bundes- und lokalpolitische Prominenz ab. Bei der FDP nörgelt er auf der Hollywoodschaukel. Bei der SPD packt er seinen Kartoffelsalat aus. Und der Grevenbroicher CDU-Bürgermeisterin entreißt er Statements über die „Rückenlagen“, um die Haushaltslöcher zu stopfen. Mit Cem Özdemir schachert er später über Posten in einer möglichen Ocker-Grünen-Koalition und Claudia Roth ist sich mit ihrem albernen Biogurkenmaskenauftritt einmal mehr für nichts zu schade. Sicher ist es durchaus interessant zu sehen, wie sich vor allem diese Parteivertreter versuchen, auf Schlämmer einzustellen – und sich dabei mitunter auf Augenhöhe mit HSP-Unterstützern und Vertretern der hinteren Buchstaben im Promialphabet wie Kader Loth, Bernhard Brink, Jürgen Drews und Gunter Gabriel wiederfinden.
„Was mangelt? Was mangelt in Deutschland?“, fragt Horst Schlämmer immer wieder knallhart nach. In Bezug auf „Isch kandidiere“ kann man die Antwort darauf auch in Anlehnung an einen HSP-Slogan geben: Es müsste eigentlich von allem mehr sein. Mehr Biss statt nur Überbiss. Mehr entlarvende Satire statt nur Klamaukflickwerk, das über Politik persiflierende Allgemeinplätze nicht hinauskommt. So jedenfalls läuft „Isch kandidiere“ rund 90 Minuten lang ins Leere und ermüdet irgendwann mit immer denselben Schlämmersprüchen und der ständigen Sehnsucht nach dem Doppelkorn für zwischendurch. Damit würde Schlämmer jetzt nach dem Kinostart wohl nicht einmal mehr die Fünf-Prozent-Hürde knacken.

Text: Sascha Rettig

tip-Bewertung: uninteressant

Orte und Zeiten: „Isch kandidiere!“ im Kino in Berlin

Horst Schlämmer – Isch kandidiere!, Deutschland 2009; Regie: Angelo Colagrossi; Darsteller: Hape Kerkeling (Horst Schlämmer), Alexandra Kamp (Alexandra Kamp), Simon Gosejohann (Praktikant Ulle); Farbe, 113 Minuten

Kinostart: 20. August 2009

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