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Harmony Korine über die Exzesswelt Floridas in „Spring Breakers“

Harmony Korine hat das Drehbuch für den Indieklassiker „Kids“ geschrieben und in Julien Donkey-Boy Werner Herzog diabolisch aufspielen lassen. In „Spring Breakers“ schickt der unberechenbare Filmemacher Hollywoods Nachwuchsstars in die Exzesswelt von Florida

Spring_Breakers

Mr. Korine, mit „Spring Breakers“ haben Sie eine ziemlich wilde Party-Gangster-Bikini-Babe-Fantasie beim Spring Break gedreht, diesem rituellen Massenausnahmezustand, bei dem junge Menschen alljährlich bis zur Besinnungslosigkeit feiern. Warum hat sich der Spring Break in dieser exzessiven Form Ihrer Meinung nach in den USA entwickelt?
HARMONY KORINE Ich weiß nicht. Vielleicht können Sie es ja erklären?! Für mich geht es in meinem Film darum zu zeigen, wie sich das anfühlt und wie dieser Kosmos aussieht. Die Bedeutung, die sich daraus ergibt, ist nur so etwas wie ein Nebenprodukt. Mein Film ist aber durchaus repräsentativ für eine bestimmte amerikanische Psychologie.

Können Sie das konkretisieren?
Spring Break ist so etwas wie ein soziales Experiment und ein klassischer, amerikanischer Zeitvertreib – also diese Idee, dass Kids und Erwachsene, die ein sehr rigides und diszipliniertes Leben führen, einmal im Jahr aber für ein Wochenende wegfahren. Dort brennen sie dann alles nieder, zerstören, nehmen Drogen und machen Mist und steigen dann wieder in ihr Auto, fahren nach Hause und tun so, als wäre das alles nie passiert. Das hat eine interessante, doppelte Bedeutung. Das kann man auch als Metapher verstehen.

Vor etwa 20 Jahren, als Sie selber im Spring-Break-Alter waren, waren Sie in der Skaterszene in Tennessee unterwegs und haben das Drehbuch für Larry Clarks kontrovers diskutiertes Jugendporträt „Kids“ geschrieben. Das klingt ziemlich weit entfernt vom Spring Break. Sind Sie denn damals selber dort gewesen?
Nein, ich bin selber nie zum Spring Break gefahren. Ich habe mich mehr mit Skateboarden beschäftigt – und damit, solchen Sachen zu entkommen. Allerdings sind dort, wo ich aufgewachsen bin, viele zum Spring Break gefahren. Auch viele meiner Freunde. Daher war mir das schon sehr vertraut. Es war möglicherweise einfach nicht meine Sache. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, was in der Zeit war, als ich 15, 16 war.

War es damals anders als heute?

Damals war es sicher nicht viel anders als heute – abgesehen davon, dass es vor allem für Weiße war. Jetzt ist es eine kulturell vielfältigere Veranstaltung. Es ist großartig, wild, ausschweifend und einfach ein totales Chaos, das keine Auswirkungen oder Konsequenzen hat.

Sind Sie zu Recherchezwecken für „Spring Breakers“ selber zum Spring Breaker geworden?
Ich bin während Spring Break nach Florida gefahren, habe mich in ein Hotel eingemietet und das Drehbuch geschrieben, während das alles um mich he­rum alles passierte.

Sie haben im Party-Epizentrum geschrieben?
Ja, die Leute hatten Sex und haben in die Lobby gekotzt. Im Hotel haben die ganze Zeit die Wände gewackelt. Es brannte. Taylor Swift dröhnte aus den Lautsprechern.

Sie sind mittlerweile 40. Haben Sie sich beim Schreiben oder später während der Dreharbeiten jemals alt gefühlt?
Nein, ich fühle mich niemals alt.

In „Spring Breakers“ lassen Sie James Franco als Goldzahndealer und Gangsterkarikatur in diesen Exzess-Kosmos hereinbrechen und die Bikini-Mädchen mit dicken Waffen ein Blutbad anrichten. Was reizte Sie an dieser Kollision unterschiedlicher Welten?
Ich mochte einfach die Idee, wie diese Aspekte zusammenkommen – die Gangster- und die Spring-Break-Mystik. Es ist ein kultureller Mash-up. In Dingen, die andere Menschen als schlecht, abscheulich oder als Wegwerfkultur empfinden, entdecke ich eine gewisse Poesie. Es ist schön, das Großartige in der Shit-Culture zu entdecken.

In Ihrem Film zeigen Sie die Mädchengruppe trotz mancher Verunsicherung als tough und selbstbestimmt. Wie ist es denn aber auf dem realen Spring Break? Werden die jungen Frauen dort nicht zum Objekt und zur sexuellen Beute reduziert?
Natürlich machen sich die Mädchen zum Objekt. Ich denke, dass es ja genau darum geht: um den Ausdruck von Sexualität und das öffentliche Darstellen. Alles kommt an die Oberfläche. Es hat dabei etwas von einer sexuellen Performance.

Aber bewegen sie sich dabei souverän auf Augenhöhe mit dem männlichen Partyvolk?
Ja, die Jungs sind dort alle genauso und machen alle genau dasselbe. Auf dieser Spielwiese sind alle gleich. Dort stellt sich kein Geschlecht über das andere. Für die Jungs und Mädchen geht es beim Spring Break vor allem um die totale Befreiung, um Energie und Chaos.

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Mit der Besetzung in den Hauptrollen kommen Sie in Kontakt mit der Teenager-Kommerzkultur. War das Ihre Idee, Vanessa Hudgens und Selena Gomez, also Jung-Stars aus dem Disney-Universum, zu casten?
Ja, definitiv, bereits als ich das Drehbuch schrieb. Ich wollte sie, weil sie perfekt sind für die Rollen und repräsentativ für diese Kultur und Pop-Mythologie.

Woher kannten Sie sie denn? Sie selbst gehören ja nicht wirklich zur Zielgruppe …
Sie sind ziemlich groß im Geschäft. Wenn man auf die Welt um sich herum achtet, wenn man Magazine liest, fernsieht oder Radio hört, sind sie praktisch überall. Abgesehen davon versuche ich, nicht zu differenzieren zwischen Underground- und Popkultur. Ich denke, diesen Unterschied gibt es nicht mehr – vor allem durch das Internet und die Art, wie sich Menschen Dinge anschauen und konsumieren. Ich denke, dass es heutzutage alles dasselbe ist.

Haben Sie sie an ihre Grenzen gebracht?
Sie haben niemals einen Rückzieher gemacht. Wenn ich mit dem Film weiter in die Extreme gegangen wäre, wäre er wahrscheinlich in Pornografie umgeschlagen – und Pornografie war nicht mein Ziel.

Haben Sie sich im Vorfeld Gedanken über Sexismus in der Darstellung des Spring Break und der Heerscharen von Körpern in knapper Bademode gemacht?
Nie. In meinem Film sehe ich auch nichts Sexistisches, überhaupt nicht. Mir ging es um das Gefühl von Freiheit und Wildheit. Es gibt kein dominierendes Geschlecht. Mein Film ist aber keine Doku und kein politisches Essay, sondern eine impressionistische Neuinterpretation des Spring Break. Ich wollte zeigen, wie es ist, sich jenseits einer simplen Darstellung zu bewegen. Mir war es wichtig, ein physisches Erlebnis zu schaffen, statt einen politischen Diskurs zu drehen. Der Film ist nicht als Kommentar gedacht.

Interview: Sascha Rettig
Fotos: 2013WildBunchGermany

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