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„Ponyo“-Regisseur Hayao Miyazaki im Gespräch

Hayao MiyazakiHayao Miyazaki ist ein Widerspruch: Der legendäre japanische Zeichentrickregisseur entfaltet in seinen Filmen einen Märchenzauber von unbändigem Ideenreichtum, verpackt darin jedoch beklemmend apokalypische Szenarien. Und ähnlich wirkt der 69-Jährige bei einem seiner wenigen Interviews, das er im Hotel Des Bains in Venedig gibt: Während er von Themen wie der Qual des Älterwerdens und der Sehnsucht nach Einsamkeit spricht, steht ihm ein verschmitztes Lächeln ins Gesicht geschrieben, das sich immer wieder in schallendem Gelächter löst.

tip Was halten Sie eigentlich von Disney-Filmen?
Hayao Miyazaki Ich habe kaum etwas davon gesehen, aber soweit ich das beurteilen kann, belügen sie Kinder. Es kann in Ordnung sein, jemand zu belügen, um ihn zu unterhalten. Aber es geht nicht, die Unwahrheit über unsere Realität zu erzählen. Und das ist das Problem mit diesen Filmen. Kinder sind ohnehin schon von der Wirklichkeit entfremdet, sie sind von Kopien, von virtuellen Realitäten umgeben – zum Beispiel in Videospielen. Anstatt Filme zu schauen, sollten sie lieber ihre wertvolle Zeit in der realen Welt verbringen, sie sollten hinausgehen und spielen.

tip Sehen Sie selbst Filme?
Miyazaki Nachdem ich 60 Jahre alt geworden war, begann ich endlich, den Wert der Kultur zu schätzen – Literatur, Malerei und Musik. Zum Beispiel gibt es eine Galerie in Tokio, die mir sehr viel Freude bereitet. Als Autor wiederum mag ich Natsume Soseki, der Anfang des 20. Jahrhunderts schrieb – in jenem Zeitraum, als die Samurai-Ära dem modernen Japan wich. Seine Geschichten handeln von der Dynamik und der Notwendigkeit dieses Wandels.

tip Die Frage galt aber Filmen.
Miyazaki
Filme sehe ich nicht, auch kein Fernsehen.

tip Aber in Ihrem Studio-Museum steht eine Flasche mit einem Foto der „Toy Story“-Charaktere Woody und Buzz. Das passt nicht ganz zu dieser Absage ans Kino.
Miyazaki Das Ganze war ein Geschenk meines Freundes John Lasseter. Das Foto war in einer Flasche, die ich leer getrunken habe. Und weil ich keinen besseren Platz hatte, stellte ich die Flasche einfach dort ab. Aber ich schaue nicht einmal die Filme, die meine Freunde machen. Ich gebe zu: Ich bin kein guter Freund.

Hayao Miyazakitip Doch wie Pixar-Gründer Lasseter verstehen Sie sich auf kindliche Gefühlswelten – das beweist jeder Ihrer Filme. Wie erklären Sie sich das?
Miyazaki Das Wichtigste ist es, Kinder zu beobachten. Bei der Entstehung von „Ponyo“ hatten wir die glückliche Situation, dass viele unserer Mitarbeiter gerade Vater oder Mutter geworden waren. Und wir haben auch eine Kindertagesstätte in unserem Studio. Auf diese Weise konnte ich sowohl den Eltern und den Neugeborenen zuschauen und mich an meine eigenen Gefühle erinnern – als Vater und als Kind.

tip Wie war Ihre eigene Kindheit?
Miyazaki Ich war ein sehr ängstlicher Junge, was damit zu tun haben mag, dass ich auch sehr schwächlich war. Aber ich hatte die gleichen Freuden wie andere Kinder, etwa wenn ich eine große Libelle oder einen Fisch in einem Teich entdeckte. Oder wenn ich Spiele gewann. Das war nichts Außergewöhnliches, doch es machte mir großes Vergnügen.

tip Was macht Kinder zu idealen Filmprota­gonisten?
Miyazaki Aus meiner Sicht reflektieren und empfinden Kinder die Geschehnisse ihrer Umwelt viel intensiver. Viele Erwachsene haben ein starres Denken, während Kinder sehr direkt und sensibel reagieren. Sie stellen auch Dinge mehr in Frage. Darüber hinaus denken sie sehr intuitiv – deshalb habe ich das Gefühl, dass sie meine Filme besser verstehen als mancher Erwachsener.

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 20/10 auf den Seiten 40-42.

Interview: Rüdiger Sturm

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Ponyo – Das große Abenteuer im Meer“ im Kino in Berlin

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