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„Hayatboyu – Lifelong“ im Kino

Hayatboyu - Lifelong

Ela, Mitte 40, ist als Künstlerin, ihr Mann Can als Architekt erfolgreich. Die beiden bewohnen ein schickes Haus in einem noblen Stadtteil Istanbuls. Tochter Nil studiert in Ankara. Eines Tages entdeckt Ela, dass ihr Mann eine Affäre hat, und ihre sicher geglaubte Welt gerät ins Wanken.
Von Elas Reaktion auf die Erschütterung ihrer Ehe erzählt die in Berlin lebende türkische Regisseurin Asli Özge in „Hayatboyu“ („Lifelong“) mittels sorgsam kadrierter, langer Einstellungen. Die Kamera bleibt dabei meist auf Distanz, zeigt die Figuren vereinzelt in durchdesignten Räumen. Dann, mit einem Mal, springt sie heran und starrt Ela direkt ins Gesicht, verharrt, verzeichnet kleinste Veränderungen des Ausdrucks. Defne Halman bringt in ihre Gestaltung dieser Frauenfigur eine Intensität ein, die diese Momente mit Hochspannung auflädt. Doch das Schweigen zwischen Ela und Can ist so routiniert wie ihr Umgang miteinander, und die Möglichkeiten der Nicht-Auseinandersetzung sind zahlreich.
Selbst als Ela Can schließlich mit seiner Untreue konfrontiert, kommt es nicht zum Eklat. Vielmehr flüchtet Can sich in einen Auftrag, der ihn in ein Erdbebengebiet führt: Hier wird die Krise der Beziehung ebenso metaphorisch bildhaft wie in Elas aktuellem Kunstwerk, einem riesigen Felsbrocken, den sie über dem Glasdach eines Museumsfoyers aufhängen lässt. Die Trümmerlandschaft und das Damoklesschwert spiegeln, in den Außenraum projeziert und gegenständlich geworden, die inneren Zustände der Figuren. Und doch entwickelt sich aus der Begegnung mit konkreter Zerstörung einerseits und diffuser Bedrohung andererseits keine Dynamik. Einzeln für sich ringen Ela und Can um Fassung und weiterhin nicht umeinander.
Das Knarren der Dielen, das Pfeifen des Winds, ein Satz, der vielleicht einmal gewechselt wird; ansonsten bleibt es still: Schwingungen statt Wellen. „Hayatboyu“ ist die subtile Studie eines sprachlichen Unvermögens, das sich aus der Angst speist. Angst vor den eigenen Gefühlen und vor der Veränderung, die diese einfordern. Angst vor der Erkenntnis, dass, wo einst Liebe lebte, nunmehr Gewohnheit herrscht – und weiter herrschen wird, lebenslänglich.

Text: Alexandra Seitz

Foto: Peripher Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Hayatboyu – Lifelong“ im Kino in Berlin

Hayatboyu – Lifelong (Hayatboyu), ?Türkei/Deutschland/Niederlande 2013; Regie: Asli Özge; Darsteller: Defne Halman (Ela), Hakan Cimenser (Can), Gizem Akman (Nil); ?102 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 22. Mai

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