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„Haywire“ im Kino

Haywire

Mit „Haywire“ und seinem gerade fertiggestellten Stripper-Film „Magic Mike“ sei er „wohl in der Spaß-Phase“ seiner Karriere angekommen, sagte Steven Soderbergh bei seiner Berlinale-Pressekonferenz. Und ergänzte: „Es braucht doch niemand mehr einen ernsten Film von mir.“ Wie ernst der Autorenfilmer das meint, muss offen bleiben, seinen angeblichen Rückzug als Filmemacher stellte er auf der Pressekonferenz jedenfalls amüsiert als trunkenen Scherz gegenüber Matt Damon dar. In jedem Fall macht Soderbergh, dessen Debüt „Sex, Lügen und Video“ 1989 das amerikanische Independent-Kino der Neunzigerjahre mit angeschoben hat, schon lange, was er will: Auf den Abschluss seiner erfolgreichen „Ocean’s 11“-Reihe folgte der epische Biografie-Zweiteiler „Che“, die Wirtschafts-Satire „Der Informant!“ und das düstere, komplexe Pandemie-Drama „Contagion“. Zwischendurch drehte er einen Film, den man als Gegenstück zu „Haywire“ sehen kann: In „The Girlfriend Experience“ ging es um Käuflichkeit und das gewerbliche Imitieren persönlicher Bindungen, die Hauptrolle spielte Porno-Star Sasha Grey.
HaywireAuch in „Haywire“ steht eine Frau im Mittelpunkt und wieder ist es eine Darstellerin ohne schauspielerische Vorbildung. Tatsächlich hat der Regisseur „Haywire“ konsequent auf die imposanten physischen Fähigkeiten der Kampfsportlerin Gina Carano zugeschnitten, fast eine Liebeserklärung. Als dramaturgischen Rahmen benutzt Soderbergh dabei den bewährten Genre-Standard der hochkompetenten Fachkraft, die von der eigenen Organisation verraten wird, ums Überleben kämpft und gerechte Rache nimmt. Die Agentin Mallory ist offenbar zum Risiko für ihren Arbeitgeber geworden, ein Privatunternehmen, das für den US-Geheimdienst allerlei Drecksarbeiten übernimmt. Schon in der ersten Szene wird der Tonfall festgelegt: Kurz redet Mallory in einem abgelegen Diner mit einem ehemaligen Kollegen (Channing Tatum, Stripper in „Magic Mike“), dann will ihr der schon ans Leben.
Auf ihrer Flucht verschränkt Soderbergh Zeitlinien und Erzählstränge, als Zuschauer weiß man selten mehr als Mallory. Man erfährt von der Befreiung eines chinesischen Journalisten in Barcelona und wie Mallorys Chef und Ex-Freund Kenneth (erfreulich ölig: Ewan McGregor) sie zu einem letzten Einsatz in Irland drängt.
Soderbergh ist nicht zimperlich, sein Film ist schnell und hart. In Nebensätzen findet man durchaus kritisches Bewusstsein: Im Vertragsgespräch mit älteren Strippenziehern (Michael Douglas und Antonio Banderas) klingt Kenneth wie jeder eifrige Jungunternehmer, die unerfreuliche Arbeit wird zur nüchternen Aufzählung von Klauseln und Gebühren. Im Kern bleibt „Haywire“ aber Action-Kino und Gegenentwurf zu dem, was Hollywood heute sonst darunter versteht. Der in klaren Bildern montierte, schlank inszenierte Film profitiert von der Authentizität der harten, wunderbar altmodischen Handgemenge. Steven Soderbergh macht aus Gina Carano kein Opfer, sondern einen beeindruckenden Racheengel und beweist: Eine Idee und eine starke Frau sind mehr wert als jedes CGI-Gewitter.

Text: Thomas Klein

Fotos: Concorde Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Haywire“ im Kino in Berlin

Haywire, USA 2011; Regie: Steven Soderbergh; Darsteller: Gina Carano (Mallory Kane), Ewan McGregor (Kenneth), Michael Fassbender (Paul); 92 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 8. März

HaywireZur Person: Gina Carano
Die 1982 in der Nähe von Dallas geborene Gina Carano war schon immer ein sportlicher Typ – bevor sie Psychologie studierte, war sie bereits eine erfolgreiche Basketballerin. Bekannt wurde Carano aber als Kampfsportlerin: Ein Freund war Muay-Thai-Profi, sie selbst bald eine gefragte Kickboxerin, die später mit eindrucksvollen Erfolgen zum Star der amerikanischen Mixed-Martial-Arts-Szene aufstieg. Der Sport hat Spuren hinterlassen, in Interviews berichtet die attraktive junge Frau, die bei ihrem Berlinale-Auftritt wie eine schüchterne Austauschstudentin wirkte, von zahllosen Blessuren. Nach einigen Video-Premieren und TV-Produktionen könnte „Hay­wire“ für Gina Carano ein Durchbruch ins Kino werden. Das nächste Projekt, John Stockwells karibische Rachegeschichte „In The Blood“, steht schon fest.

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