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Dokumentarfilm

Eine große deutsche Geschichte: „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ im Kino

Der bedeutende Dokumentarfilmer Thomas Heise beleuchtet in seinem
überlangen „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ seine eigene Familie

„Ich bin froh, dass die unheilvolle Stille vorbei ist“ – dieses Zitat untertitelt in Thomas Heises Film nebenstehendes Bild. Foto: GMfilms

Ein kleiner Junge mit einer Deutschlandfahne steht am Beginn von Thomas Heises Film „Heimat ist ein Raum aus Zeit“. Es ist ein Foto, wie es in vielen Familienalben zu finden sein könnte. Aber in wie vielen Familien sind auch noch Schulaufsätze eines Großvaters aus dem Jahr 1912 überliefert? „Ein furchtbar wütend Schrecknis ist der Krieg“, schrieb Wilhelm Heise im Alter von 14 Jahren, als ahnte er schon, was zwei Jahre später kommen sollte. Es ist vielleicht wirklich das älteste Dokument, auf das Thomas Heise zurückgreifen konnte für einen Film, der im Wesentlichen drei Bestandteile hat: eine Familiengeschichte aus Briefen, Texten, gelegentlichen Fotografien; eine Bildspur, die oft nur assoziativ damit zusammenhängt; und dann noch die Stimme von Thomas Heise selbst, die alles zusammenhält. Er tritt hier keineswegs als der große Erzähler auf, sondern als einer, der in ruhigem Ton eine Reihe von Fragmenten aus dem Dunkel der Vergangenheit hervortreten lässt.

Es ist seine Familiengeschichte, und es ist eine große, deutsche, über wichtige Perioden hinweg auch deutsch-deutsche Familiengeschichte: Man muss nicht immer gleich an die „Buddenbrooks“ als Vergleich denken, wenn irgendwo drei Generationen vor dem geistigen Auge erscheinen, aber im Fall der Heises kann man mit Fug behaupten, dass sie es an Geltung mit der fiktiven Familie aus der Feder Thomas Manns aufnehmen kann. Mit dem Unterschied allerdings, dass Thomas Heise keinen Roman geschrieben, sondern einen Film montiert hat.

Er überbrückt dabei einen Zeitraum von 100 Jahren: die Beziehung seines Großvaters Wilhelm zu der jüdischen Bildhauerin Edith Hirschhorn; die Beziehung seines Vaters, des Philosophen Wolfgang Heise, zu Rosemarie Barke, die zu dem Zeitpunkt ihres Kennenlernens noch einen hoch erotisch gestimmten, politisch hellwachen Korrespondenzpartner im Adenauer-Deutschland hat; und schließlich Andreas und Thomas, die beiden Brüder, von denen es in einem Brief einmal heißt, dass die beiden „gute Fighter“ werden.

Schwierige Beziehungen

Wer mit dem Werk von Thomas Heise ein wenig vertraut ist, wird diese Stelle nicht ohne Schmerz vernehmen. Denn dem schwierigen Verhältnis zu seinem Bruder hat Thomas 2005 schon einen kurzen Film gewidmet, wie sich auch in „Vaterland“ (2002) bereits Motive fanden, die nun in dem größeren Zusammenhang noch einmal auftauchen, vor allem Briefe des Vaters aus dem Lager in Zerbst in der Zeit, in der die deutsche Niederlage 1945 gerade noch nicht endgültig besiegelt war.

Als er wenige Jahre später, nun schon in der DDR, mit Rosemarie zusammenkommt, schreibt sie: „Ich werde ihn mit seiner Arbeit zu teilen haben.“ Da könnte man ergänzen: Sie wird ihn auch mit dem Staat zu teilen haben, in dem sie leben, denn in der DDR gehörte einem nichts selbst, nicht die Arbeit, nicht die intimsten Beziehungen. Am ehesten gehörten einem noch die Utopien selbst. Christa Wolf, eine Freundin der Familie, schreibt 1995 im Rückblick auf die 1960er-Jahre: „In immer neuen Beispielen, es war wie eine Sucht, maßen wir die Theorie an der Praxis.“ Die Theorie war der Sozialismus, die Praxis war ein Staat und eine Staatssicherheit, die genau darüber Buch führten, wann bei Heises nachts das Licht ausgemacht wurde, und welche Gäste davor dort den Abend verbracht hatten.

Der Archivar

Auch die Passagen von Christa Wolf liest Thomas Heise. Er identifiziert sich mit seiner Stimme und mit seiner Anordnung des Materials nicht so sehr als Sohn und Enkel, der hier psychologische Rechnungen aufmachen würde. Er tritt eher so auf, dass man ihn als Teil einer Geschichte begreifen kann, die ihm das zweifelhafte Glück zugewiesen hat, als Archivar noch einmal an diese Geschichte gehen zu können.

„Heimat ist ein Raum aus Zeit“ ist ein Film, der von der Tonspur bestimmt wird. Die Bilder sind aber keineswegs belanglos. Sie sind nur keine Illustrationen, eher könnte man sie als eine Zeichensammlung für Geschichte in einem allgemeineren Sinn sehen: Alltagsszenen, Naturbilder, Ruinen. Aus seinem großen Antifamilienfilm „Barluschke“ (1997) ist vielleicht noch in Erinnerung, dass Heise dem resümierenden Blick auf die Vergangenheit skeptisch gegenübersteht: „Identität ist eine Mythe“, hieß es dort. Mit „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ bewegt er sich nun so nahe wie möglich an diese Mythe heran, immer unter der Voraussetzung, dass die Geschichte (die große wie die familiäre) ihr letztes Wort noch nicht gesprochen hat.

Diese Aufgabe übernimmt Heiner Müller, auch er ein Freund der Familie Heise. Er schrieb 1992 den großen Text „Die Küste der Barbaren“, der in „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ eine Art vorletztes Schlusswort darstellt: „Jetzt steht der Sumpf“, heißt es da über das gerade wieder vereinigte Deutschland, von dem Müller bedauert, dass die Revolution von 1989 eine entscheidende Qualität vermissen ließ: Gewalt. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer bekommt Deutschland diesen Film geschenkt: ein radikales Dokument von Geschichtlichkeit, und von konsequent um Aufgeklärtheit bemühter Perspektive darauf.

Heimat ist ein Raum aus Zeit D 2019, 218 Min., R: Thomas Heise, Start: 26.9.

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