Drama

„Helle Nächte“ im Kino

„Die Räume für reine Beschreibung“ – Den Berliner Autor und Regisseur Thomas Arslan hat es für seinen neuen Film „Helle Nächte“ nach Norwegen gezogen. Im Gespräch mit dem tip erzählt der 55-Jährige von unterschiedlichen Motivationen, dem ­Vater-Sohn-Konflikt und diesigem Wetter

Foto: Schramm Film/ Marco Krüger

Wenn der Vater mit dem Sohne ­einmal ausgeht, dann muss es etwas zum Lachen geben und etwas zum Weinen (und, musikalisch, Swing und Hot, was immer das Zweitere genau sein mag). Dieses ­Motiv aus einem berühmtem Film mit Heinz ­Rühmann wirkt bis in die Gegenwart der Patchwork-­Familien herein: Der Vater ­Michael, den ­Georg Friedrich in „Helle Nächte“ von ­Thomas Arslan spielt, hat das dringende Bedürfnis, mit seinem Luis einmal etwas zu unternehmen. Von der bemühten Heiterkeit des alten deutschen Schlagerkinos ist hier aber nichts mehr zu spüren.
Zwischen den beiden Männern, dem ­erwachsenen und dem heranwachsenden, ist die Atmosphäre gespannt. Dies umso mehr, als sie die meiste Zeit in einem Auto verbringen. Sie sind nach Norwegen gekommen, weil der Vater von Michael sich in eine einsame Gegend zurückgezogen hat. Nun ist er gestorben, und nach der Beerdigung ­möchte Michael noch ein wenig durch die Gegend fahren und wandern. Das ist ganz und gar nicht das, was Luis sich gewünscht hat, aber was bleibt ihm anderes übrig?

Thomas Arslan kennt die Situation aus eigener Erfahrung. Er hat auch selbst einen Sohn, der allerdings schon ein paar Jahre ­älter ist als Luis. „Und wir haben eigentlich ein gutes ­Verhältnis, aber natürlich kenne ich diese Phase, in der Luis steckt, schon ganz gut. Das Drehbuch setzt sich aus vielen Situationen und Beobachtungen zusammen, solche Konstellationen finden sich auch in meinem Umfeld. Unbewusst habe ich da wohl schon längere Zeit ein wenig Notizen gemacht, und daraus hat sich nach und nach eine Geschichte herausdestilliert“, erzählt Thomas Arslan von der Entstehungsgeschichte von „Helle Nächte“. Es ist sein erster Film nach „Gold“, dem historischen Western, den er 2012 in den Weiten von ­Kanada gedreht hat, und der damals – wie in diesem Jahr „Helle Nächte“ – auf der Berlinale im Wettbewerb lief.

„Ich habe danach etwas gesucht, was überschaubarer war, was vor allem im ­logistischen Sinn nicht ein so schwerfälliges Drehen ­erfordert hat. Mir liegt daran, dass ich mich beim Filmemachen ein bisschen freier bewegen kann, man sollte Zeit haben, um zu variieren.“ Im Grunde verlegt Thomas ­Arslan den Minimalismus seiner frühen Berlin-­Filme wie „Dealer“ oder „Der schöne Tag“ in eine andere Landschaft, bleibt sich aber in einer prinzipiellen Hinsicht treu: „Bei mir gibt es wohl ­immer diese beiden Impulse, dass ich einerseits eine Geschichte erzählen will, dass ich aber auch darauf achte, so etwas wie Räume für reine Beschreibung zu schaffen, für ­Momente, in denen es nicht ­darum geht, die Geschichte voranzubringen.“ In „Helle ­Nächte“ gibt es eine lange, faszinierende Kamerafahrt, die sinnbildlich für die ganze „Reise ins Karge“ steht, die Arslan im Sinn hatte.

Die beiden Darsteller halten den Film in einer schönen Spannung. Mit dem Österreicher Georg Friedrich wollte Arslan schon längere Zeit arbeiten. „Er ist so gar kein technischer Schauspieler, bei ihm muss man ­immer mit Überraschungen rechnen, und das wollte ich unbedingt einmal erleben. Tristan Göbel haben wir erst beim Casting kennen­gelernt, im Zuge eines ziemlich ausführlichen Suchens. Wir haben auch viele Jugendliche auf der Straße angesprochen. Tristan kam gerade von den Dreharbeiten zu ,Tschickʻ. Er hatte genau das richtige Alter, und auch diese Fragilität, die den Übergang in die ­Pubertät prägt. Mir hat auch gefallen, dass er Georg Friedrich so gar nicht ähnlich sieht. Die ­Distanz zwischen den beiden hat so auch eine physische Entsprechung.“

Die dritte Hauptrolle, wenn man so will, spielt in „Helle Nächte“ die Natur. Hier sind die ­Parallelen zu „Gold“ mit seinen imposanten Landschaftsaufnahmen unübersehbar, aber auch die Unterschiede sind markant. „Man sollte sich das nicht zu einfach vorstellen. Es war schon wichtig, das Imposante dieser Landschaft zu zeigen, aber es auch nicht zu überhöhen, und auf gar keinen Fall sollte so ein Postkarteneffekt entstehen. Da sucht man dann manchmal ganz schön lang nach den richtigen Straßenabschnitten, dem richtigen Licht, den richtigen Farben. Wir haben im Sommer gedreht, das Wetter war relativ wechselhaft, manchmal war es zu diesig, da mussten wir dann warten, denn das hätte zu ­symbolisch ausgesehen.“

Thomas Arslan gehört zu jener Generation im deutschen Kino, die man gern als „Berliner Schule“ bezeichnet – ein Begriff, der inzwischen zunehmend polemisch verwendet wird. Auch bei der Berlinale löste „Helle Nächte“ so manche Kontroverse zumindest in den sozialen Netzwerken aus, dabei hat der Minimalismus vieler Filme in Deutschland ja auch eine institutionelle Kehrseite: Viele Produktionen sind sehr knapp kalkuliert, auch wenn in diesem Fall zusätzlich ein bisschen norwegisches Geld dazukam, das dann aber auch vor Ort ausgegeben werden musste. „Ich habe inzwischen einige Übung darin, mit kleinen Budgets so zu arbeiten, dass das nicht zu einer Mangelwirtschaft wird“, sagt Thomas Arslan, der auch an der Universität der Künste als Professor für narrativen Film arbeitet, und so ein zweites Standbein hat.

Die „Reise ins Karge“, von der er mit Blick auf „Helle Nächte“ spricht, stellt auch eine Möglichkeit dar, „klärend in sich zu gehen“. Das trifft im übertragenen Sinn auch auf den Film zu, den man als eine Reflexion auf die Bedingungen des Erzählkinos in Deutschland sehen kann, gerade in seiner Distanz zu der bemühten Heiterkeit, mit der einst Heinz Rühmann das Land zu unterhalten versuchte.

Helle Nächte D/N 2017, 86 Min., R: Thomas Arslan, D: Georg Friedrich, Tristan Göbel, Marie Leuenberger, Start: 10.8.

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