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„Herbst“ im Kino

Die Nachwirkungen des Militärputsches vom 12. September 1980 in der Türkei sind auch im türkischen Film noch immer spürbar. Im Jahr 2000 brach in den türkischen Gefängnissen eine Welle von Hungerstreiks und Protesten unter den kurdischen und linken oppositionellen Gefangenen gegen die inhumanen Haftbedingungen, die systematischen  Folterungen und die geplante Einführung der berühmt-berüchtigten F-Typ-Isolationszellen aus. In einer koordinierten Aktion stürmten daraufhin schwer bewaffnete Spezialeinheiten der Polizei die Gefängnisse und schlugen die Revolte nieder. Dabei kamen über hundert Häftlinge ums Leben. Viele Gefangene waren auch nach ihrer späteren Freilassung physisch und psychisch zerstört.
Vor diesem Hintergrund hat der 1975 in einem kleinen Ort an der türkisch-georgischen Grenze geborene Özkan Alper seinen vielfach prämierten wunderbaren, elegischen Film „Sonbahar“ („Herbst“) angelegt. Im Mittelpunkt steht Yusuf, ein ehemaliger Aktivist der linken Studentenbewegung, der nach über zehn Jahren, innerlich und äußerlich von Einzelhaft, Folter und Hungerstreik gezeichnet, entlassen wird. Yussuf kehrt zu seiner Mutter in sein Heimatdorf zurück – einige verstreute Häuser in den Berghängen an der Schwarzmeerküste nahe der türkisch-georgischen Grenze. Nur noch wenige, meist alte Menschen, fristen hier ihr karges Leben. Sie alle versammeln sich am ersten Abend in dem kleinen Holzhaus seiner Mutter.
Yusuf mag nicht erzählen, er scheint wie eingemauert in einem aus Schweigen und zerbrochenen Träumen gebauten inneren Gefängnis. Und so erfahren wir auch von ihm eigentlich kaum etwas über seine Vergangenheit, die lediglich ab und an wie Erinnerungssplitter in originalen TV-Bildern von Studentendemonstrationen und ihrer gewaltsamenen Repression auftaucht und ihn nachts aufschrecken lässt.
Der einzige Freund aus seiner Jugend ist Mickail, ein Schreiner. Der nimmt ihn eines Tages in ein Stundenhotel in der Stadt am Meer mit. Aus der Begegnung mit der jungen Georgierin Eta wird eine flüchtige Liebesgeschichte, ein letzter Versuch, sich ans Leben zu klammern. Pläne werden geschmiedet, aber letztendlich fährt Eka doch alleine zurück nach Batumi.
Hinter der persönlichen, tragischen Geschichte dieses todgeweihten Mannes lassen sich die bitteren Enttäuschungen von Träumen und Hoffnungen einer ganzen Generation von Studenten erahnen, die ihr Leben ihren politischen Idealen geopfert hat. Aber das muss man zwischen den Zeilen lesen. Denn „Herbst“ ist kein politisches Pamphlet der großen Worte. Umso stärker sind deshalb die Bilder, in denen sich Yusufs Stimmungen und Gefühle widerspiegeln – die atemberaubende Landschaft steiler Bergwälder, in denen der Herbstnebel hängt, regennasse Straßen, die zur Küste mit ihren leeren, sturmgepeitschen Stränden
führen. Yusuf steht am Fenster, und wir folgen seinem Blick auf einen Trauerzug schwarzge­kleideter Menschen.

Text: Barbara Lorey

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Herbst“ im Kino in Berlin

Herbst (Sonbahar), Türkei/Deutschland 2008; Regie: Özcan Alper; Darsteller: Onur Saylak (Yusuf), Raife Yenigul (Gülefer), Megi Koboladze (Eka); Farbe, 105 Minuten

Kinostart: 13. Mai

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