Drama

„High-Rise“ im Kino

Ein Spiegel der Gesellschaft: Der britische Regisseur Ben Wheatley verfilmt J.G. Ballards dystopischen Romanklassiker „High-Rise“ mit Tom Hiddleston in der Hauptrolle

Foto: DCM/ Aidan Monaghan

Steil ragt ein vierzigstöckiges Hochhaus inmitten des Nichts auf, ein dunkler, zackiger Betonklotz, der sich gegen einen hellen Himmel erhebt. Der Architekt Anthony Royal (Jeremy Irons) erklärt das Konzept des Baukomplexes: Fünf dieser Hochhäuser rund um einen See sollen die fünf Finger einer geöffneten Hand symbolisieren. Nur: Da ist kein See, bloß ein riesiger Parkplatz und dieses Beton-Ungetüm, dessen Stil die Briten seit den 1950er-Jahren mit dem Begriff Brutalismus umschreiben. Was übrigens keine abwertende Bezeichnung für den Gesamteindruck dieser Architektur ist, sondern abgeleitet wurde von dem vom französischen Architekten Le Corbusier geprägten Begriff „béton brut“, also dem rohen, sichtbaren Beton, der die Gebäude prägt.

Die Engländer haben sich bis heute die Faszination für diesen Baustil bewahrt, der sich noch bis in die 50er- und 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit der Utopie verband, dass Satellitenstädte mit all ihren vermeintlichen Annehmlichkeiten wie vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten, Kindergärten und Schwimmbädern tatsächlich die Lebensbedingungen insbesondere der unteren Schichten verbesserten. Architektur sollte die Bewohner zu besseren Menschen machen – und somit einen positiven Effekt auf die gesamte Gesellschaft ausüben. Tatsächlich aber schufen Le Corbusier und seine Adepten das, was man heute soziale Brennpunkte nennt, mit all den Anzeichen sozialer Verwahrlosung, die eine anonyme und letztlich lebensfeindliche Umgebung mit sich bringt.

Der architektonischen und gesellschaftlichen Utopie setzte der britische Schriftsteller J.G. Ballard in seinem 1975 erschienenen Roman „High-Rise“ eine Dystopie entgegen: In seinem Hochhaus haust die britische Klassengesellschaft, vertikal angeordnet entsprechend der Schichtzugehörigkeit. Oben die Oberschicht mit ihren vielen Hunden, unten die Unterschicht mit ihren vielen Kindern. Dazwischen die Mittelschicht, zu der auch der neue Bewohner im 25. Stockwerk gehört, Dr. Robert Laing (im Film verkörpert von Tom Hiddleston). Er hat Kontakt in beide Richtungen: Mit dem Architekten Royal, der im Penthouse ganz oben wohnt, komplett mit einem ebenso erstaunlichen wie absurden Garten mit Schaf und Pferd („Meine Frau ist auf dem Land aufgewachsen“), spielt er Squash, aber er kennt auch den im zweiten Stock lebenden Fernsehdokumentaristen Richard Wilder. Der gibt sich gern revolutionär und macht mobil gegen die Privilegien, die sich die Oberschicht ganz selbstverständlich gönnt. Der „Schmelztiegel“, den sich der Architekt ursprünglich erträumte, ist das düstere Hochhaus jedenfalls nicht: Hier hat jeder seinen festen Platz.

Die Zivilisation zeigt Risse

Und dann geht alles ganz schnell: Der Strom fällt aus, Fahrstühle und Müllschlucker funktionieren nicht mehr, der Beton zeigt erste Risse. Wie auch die dünne Fassade der Zivilisation: Bald schon ziehen Stammeshorden durch das Hochhaus, im Supermarkt wird um die letzten Waren gekämpft, Konflikte entzünden sich an der Benutzung von Schwimmbad und Fahrstuhl oder einfach an dem Wettbewerb, wem es gelingt, die dekadentere Party zu schmeißen. Das Leben der Menschen reduziert sich auf Urinstinkte: Gier, Sex und Gewalt. Die Wohnungen gleichen immer deutlicher archaischen Höhlen, in die Frauen von den Männer im Wortsinn abgeschleppt werden, um als Sexobjekte oder Dienstmägde zu enden. Und immer irgendwie mittendrin: Dr. Laing, stets kühl und beherrscht, ein Mann, hinter dessen glatter Fassade es gleichwohl brodelt, und der das Abstreifen der Zivilisation schließlich befreiend findet. Dass er sich am Ende ganz oben wiederfinden wird, weiß man von Beginn an, denn Roman und Film starten mit einer Rückblende.

Der britische Regisseur Ben Wheatley („Sightseers“, „A Field in England“) hat „High-Rise“ als eine ebenso genüssliche wie verstörende, sarkastische Satire inszeniert und ihr noch eine Komponente hinzugefügt, die sich, als Ballard 1975 seinen Roman schrieb, vielleicht am Horizont abzeichnete, jedoch noch nicht letztgültige Wirklichkeit geworden war. Der Film endet mit der Stimme Margaret Thatchers, Premierministerin Großbritanniens zwischen 1979 und 1990, die, wie niemand vor ihr, das Land und die Gesellschaft spaltete, und die man hier über die Freiheit dozieren hört, die nur im Kapitalismus zu erreichen sei. Wie das aussehen kann, hat man sich gerade zwei Stunden lang angeschaut.

High-Rise GB/B 2015, 119 Min., R: Ben Wheatley, D: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Start: 30.6.

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