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Hinter den Kulissen von „Tron Legacy“

Tron Legacy

Die Vergangenheit des Kinos steht gleich nebenan. Bevor man nämlich auch nur die Kommandozentrale der vermeintlichen Kinozukunft betritt, fällt der Blick unweigerlich auf das angrenzende Gelände. Dort verwittert das Gold‘s Gym vor sich hin, einstmals die glamouröseste Muskelbude der Welt und in den Achtzigern von den Bizepsbuddies um Sly & Arnie als inoffizielles Hauptquartier für Actionstars genutzt. Hier im kalifornischen Venice wurden einst noch Deals per Handschlag gemacht und an metallenen Maschinen die Grundlagen vieler Blockbuster gezüchtet. Auch Regisseur James Cameron war langjähriges Mitglied. Doch als er merkte, dass Stars aus Fleisch und Blut zum Auslaufmodell wurden, bescherte er Gold‘s Gym 1995 mit der Gründung seiner Special-Effects-Firma Digital Domain einen neuen Nachbarn.
Seither verblüffte die Firma regelmäßig mit visuellen Grenzüberschreitungen, von pur­zeln­den Passagieren der „Titanic“ bis zum ver­jüngten Brad Pitt aus „Benjamin Button“, und Digital Domain hat sich neben Pixar, ILM und Peter Jacksons Weta zur führenden Adresse für Digitaltechnik entwickelt. Auch wenn Cameron das Unternehmen längst verließ und die 200 Mio. Dollar Kosten für „Tron Legacy“ nun vom Disney-Studio getragen werden, ist es nur logisch, dass der mal wie­der aufwendigste Effektefilm aller Zeiten in den heiligen Hallen von Digital Domain vorgestellt wird. Seit über zwei Jahren arbeiteten hier bis zu 300 Leute an der Fortsetzung von „Tron“ (1982), einem schlechten und neuer­dings als Kult verkauften Sci-Fi-Abenteuer, das sich eine Fußnote in der Filmgeschichte verdiente, weil es erstmals eine Story in den Cyberspace verlegte.
Tron Legacy„Wir waren die Ersten, die den Einfluss der Technik auf die Gesellschaft dramatisierten“, strahlt Steven Lisberger, „und stellen dreißig Jahre später fest, dass unsere Warnungen fast naiv waren und uns heute die digitale Welt noch mehr im Griff hat, als damals abzusehen war.“ Lisberger, seines Zeichens Regisseur des „Tron“-Originals, ist als Berater an Bord des Sequels, ein guter Geist mit ewiger Hippiehaltung, der sich schmunzelnd an LSD-Trips erinnert, die ihn damals zu farbenfroher Computerbildsprache inspirierten.
Die Fortsetzung steht im Vergleich unter einem strengen, stilistischen Diktat aus Neon- und Grundfarben, das in seiner kühl konturierten Eleganz offensichtlich der Designschule von Apple verbunden ist. Neben Jeff Bridges ist Lisberger übrigens mit Abstand der Älteste unter rund zwanzig Kreativen, die für die weltweit erste Präsentation von „Tron Legacy“ herangekarrt wurden. Denn im Bemühen, einer Produktion eine humane Note zu geben, die weitgehend im Rechner spielt und erstellt wurde, kommen bei diesem Termin ausnahmsweise Designer und Nerds zu Wort, die gemeinhin als anonyme Spezialisten für Computergeneriertes im Kleingedruckten der Credits verschwinden.
Tron LegacyDer gebürtige Deutsche Daniel Simon zum Beispiel, der seinen Spitzenjob als Modellentwickler eines Autokonzerns aufgab, um allem einen futuristischen Anstrich zu verleihen, was da so rollt und fliegt in „Tron Legacy“. „Sicher war dieser Film für jeden von uns ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte“, erklärt Simon, „denn wo sonst würde man in meiner Branche dazu ermuntert, bei der Entwicklung alle geistigen Barrieren oder Straßenverkehrsregeln zu ignorieren? Wobei wir durchaus innerhalb der Grenzen der Physik bleiben wollten – was immer in animierter Form durch die ‚Tron‘-Welt rast, wurde vorher auch von uns als Probefahrzeug gebaut. Man braucht einen haptischen Bezug, selbst wenn wir letztlich mit Pixeln arbeiten.“

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