Kino & Stream

„Hinter Kaifeck“ von Esther Grothenborn im Kino

Entdeckt wurden die sechs Leichen erst vier Tage später, die Täter wurden nie ermittelt, und die von allerlei katholischem Gemunkel um Blutschande und Blutrache umwölkten Hinterkaifeck-Morde gingen in die deutsche Kriminalgeschichte ein. Immer wieder hat der mysteriöse Fall seither die Fantasie von Autoren aller Medien angeregt, unter anderem die des Journalisten Peter Leusch­ner, der 1978 und 1997 zwei umfassend recherchierte Bücher zum Thema veröffentlichte.
Bücher, die einige Jahre später zur Grundlage einer (abgewiesenen) Plagiatsklage gegen Andrea Maria Schenkel wurden, deren 2006 erschienener, vielfach ausgezeichneter Bestseller-Kriminalroman „Tannöd“ gleichfalls auf den Hinterkaifeck-Morden basiert. Die Rivalität der Bearbeitungen setzt sich in diesem Jahr im Kino fort; im März startet Esther Gronenborns „Hinter Kaifeck„, der sich lose auf Leuschners Arbeiten stützt, im November dann folgt die Romanverfilmung „Tannöd“ von Bettina Oberli.
Gronenborn bettet den grausigen Stoff in eine Gegenwartshand­lung ein, in deren Verlauf der Fotograf Marc (Benno Fürmann) während eines Urlaubs von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht wird.
Des Nachts betritt er im Wald hinter Kaifeck surreale Albtraumwelten, am Tag bekommt er es mit den Feindseligkeiten der miss­trauischen Dorfbevölkerung zu tun. Doch obwohl „Hinter Kaifeck“ inmitten von Perchtentreiben und Raunacht-Aberglauben angesiedelt ist und Brauchtum als Motor des Geschehens einsetzt, bleibt er in einem raum-zeitlichen Niemandsland stecken. Dort praktizieren Hochdeutsch sprechende Komödienstadl-Chargen ebenso altehrwürdige wie rückständige Methoden der Sündenpfuhl-Tro­ckenlegung. Die Elemente, die den schwarzen Reiz des ungeklärten Massakers auf dem Einödhof ausmachen – sie sind alle da, doch sie fügen sich nicht zur bayerischen Familientragödie, sondern nur zu deren überregional bereinigter Kol­portage-Version.

Text: Alexandra Seitz

tip-Bewertung: Annehmbar

Hinter Kaifeck, Deutschland 2009; Regie: Esther Gronenborn; Darsteller: Benno Fürmann (Marc Barenberg), Michael Gwisdek (Pfarrer), Alexandra Maria Lara (Juliana); Farbe, 87 Minuten

Kinostart: 12. März 2009

Mehr über Cookies erfahren