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Filmfestival

Ein Rückblick auf die 53. Internationalen Hofer Filmtage

Auf ihre alten Tage werden die Hofer Filmtage wieder jung. Soll heißen: Das Festival entwickelt sich in seinem 53. Jahr besonders im Bereich der deutschsprachigen Spielfilme zusehends zu einem Nachwuchsfestival; ein Großteil der gezeigten Filmen stammen von jungen Filmemacher*innen, die in der oberfränkischen Stadt ein ideales Tableau zur Präsentation vorfinden, mit einem begeisterungsfähigen, oft einheimischen Publikum, das jedes Jahr aufs Neue den Einzug der Filmschaffenden in den sonst eher verschlafenen Ort herbeisehnt.

Love Machine, Foto: Allegro Film/ Philipp Brozsek

Doch dieser Umstand des Jungen und Neuen macht die Auswahl zur Sichtung nicht einfacher: Welche der rund vier Dutzend langen Spielfilme soll man sich innerhalb von fünf Tagen ansehen, wenn einem der Regiename und auch oft die Darsteller so gar nichts sagen? Also rein ins Getümmel, Entdeckungen machen! Und zu denen gehört ohne Zweifel Coup von Sven O. Hill. Der hat sich eine auf wahren Begebenheiten beruhende Räuberpistole vorgenommen, rund um einen Bankangestellten. Der ist im Hohen Norden Deutschlands Ende der 80er zugleich Mitglied einer Rockergang sowie Familienvater und beschließt eines Tages zusammen mit einem Kumpel, seinen Arbeitgeber kräftig abzuzocken. Der Täter selbst erzählt diese unglaubliche Geschichte aus dem Off, dabei ist Hills Inszenierung ähnlich lässig und entspannt wie der vorherrschende Hamburger Slang – ein interessant strukturierter, souverän inszenierter Film.

Ganz so souverän weiß Autor und Regisseur Gregory Kirchhoff im diesjährigen Eröffnungsfilm Baumbacher Syndrome nicht mit seinem Stoff umzugehen. Dabei hat seine Prämisse ihren Reiz: Ein TV-Talkmaster wacht eines Morgens auf und hat plötzlich eine furchterregende Stimme wie der Böse in manch Disneyfilmen. Daraufhin verfällt er in eine tiefe Depression und muss erkennen, dass er zeitlebens ein veritables Arschloch war und sich auch nicht um seinen inzwischen erwachsenen Sohn gekümmert hat. Vater und Sohn werden gespielt von Tobias Moretti und dessen Filius Lenz Moretti, doch beide können nicht verhindern, dass man sich sehr lange fragt, wo beim TV-Mann eigentlich das Problem liegt – durch diese Stimme wurde er offenbar weltberühmt, und ist dieses Organ nicht ein Geschenk für jemanden, der im Rampenlicht steht? Wie gesagt: interessante Prämisse, die dann aber etwas umständlich ins Innere des Protagonisten führt.

Eine etwas verwirrenden Zwitter zischen Dokumentar- und Spielfilm liefert die Regisseurin Connie Walther mit ihrem Film Die Rüden ab. Sie schafft eine im Grunde künstliche Situation: Vier gewalttätigen Knackis werden drei extrem rabiate Hunde gegenübergestellt – Testosteron pur. Überwacht wird die Situation von einer Hundetrainerin, die fortan die Straftäter mit der Aggression der Tiere konfrontiert. So entsteht eine hochinteressante Abhandlung über Gewalt und Kontrolle, bei der man aber nie exakt zwischen Dokumentar- und Spielfilm unterscheiden kann.

Bei so viel hartem Stoff (dazu gehört auch Karl Markovics Regiearbeit Nobadi über die schwierige Beziehung eines österreichischen Greises zu einem jungen Afghanen) tun dann leichtere Stoffe gut, etwa die burschikose österreichische Komödie Love Machine von Andreas Schmied über einen erfolglosen Musiker. Der versucht sich trotz Waschbär- statt Waschbrettbauch als Playboy und befriedigt ältere Damen gegen Bares. Dumm nur, dass er sich auch in eine Fahrlehrerin verliebt hat. Eine leichte Komödie mit hübscher Situationskomik.

Das gilt auch für den französischsprachigen Tambour Battant – Roll the Drums! von François-Christophe Marzal, der in der Schweiz des Jahres 1970 angesiedelt ist. Und da kämpfen nicht nur die Frauen eines Dorfes um das Recht, endlich wählen zu dürfen, auch zwei Blaskapellen stehen sich in einer erbitterten Fehde gegenüber. Das sieht in warmen Farben hübsch aus, hat durchaus politische Momente und erinnert ein wenig an den Klassiker „Brassed off“.

Im Gegensatz zur Spielfilmsektion tauchen bei den Dokumentarfilmen einige bekannte Namen auf, allen voran Wiltrud Baier und Sigrun Köhler. Den beiden haben wir schon so wunderbare Dokus wie „Schotter wie Heu“ oder „Where’s the Beer, and When Do We Get Paid“ zu verdanken. In Narren tauchen sie ganz tief ein in die seltsame Welt der Rottweiler Fastnacht, die dort kultisch gefeiert wird. Und so stoßen im männerdominierten Organisationskomitee Tradition und Moderne mit Schmackes aufeinander. Ein Film, der dem geflügelten Wort, an etwas „einen Narren gefressen“ zu haben, eine ganz neue Bedeutung gibt.

Sehr interessant auch Butenland von Marc Pierschel, der ein Altersheim für Nutztiere, hauptsächlich Kühe porträtiert und dabei ganz aktuelle Fragen nach dem Umgang mit Tieren stellt und zugleich ein Stück westdeutsche Geschichte rund um den Kampf gegen Tierversuche und andere Schweinereien thematisiert.

Und dann ist da auch noch Angela Christlieb. Die Filmemacherin überrascht uns seit Jahren immer wieder mit ausgefallenen Sujets, die sie liebevoll und von der Montage her virtuos präsentiert. In Under the Underground zeigt sie die Wiener Brüder Chris und Ali Janka, die seit vielen Jahren mitten in der Stadt einen riesigen Keller angemietet haben, der nicht nur als Proberaum für diverse örtliche Bands dient, sondern in dem auch ununterbrochen an schrägen elektronischen Musikinstrumenten und Objekten gepfriemelt wird. Das ist spannend und unterhaltsam zugleich und feiert eine jener künstlerischen Nischen, deren Erhalt wegen steigender Mieten immer schwieriger wird.

Überhaupt beschäftigen sich etliche Dokumentarfilme mit Kunst und Kultur und könnten alle auch auf dem Berliner Festival Dokuarts laufen: Filme über die Stuttgarter Oper (Das Haus der guten Geister), das Burgtheater Wien (Die Burg), etliche Künstlerporträts – und Anne Osterlohs Bitte nach Mitte!. Sie nimmt den Umzug der Berliner Ernst-Busch-Schauspielschule zum Anlass, etliche Promis von Leander Haußmann über Lars Eidinger bis zu Nina Hoss vor die Kamera zu bitten, um über ihre Zeit auf der renommierten Schule zu erzählen. Der jahrelange Disput um die Zusammenführung der verschiedenen Gewerke innerhalb der Schule kommt dabei etwas zu kurz – Spaß macht der Film trotzdem.

Festivalchef Thorsten Schaumann hat die schwere Bürde übernommen, in die riesigen Schuhe des verstorbenen Festivalgründers Heinz Badewitz zu schlüpfen, und er meistert seine Sache mit viel Empathie sehr überzeugend. Weiter so.

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