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„Höhere Gewalt“ im Kino

Höhere Gewalt

Es ist nur ein Moment, aber dass Familienvater Tomas angesichts einer herannahenden Lawine seine Ehefrau und die beiden Kinder auf der Terrasse des Hotels in den Alpen im Stich lässt und wegläuft, bleibt nicht ohne Folgen – selbst wenn die Lawine kurz vor dem Gebäude zum Stillstand kommt. Was für Ebba, Tomas’ Ehefrau, dabei schwerer wiegt als sein Verhalten, ist die Tatsache, dass er hinterher nicht dazu stehen will, sich vielmehr in vage Ausreden flüchtet. Werden sie sich in den restlichen Tagen des Urlaubs wieder versöhnen oder wird es doch noch zum großen Eklat kommen? Das macht die Spannung in Ruben Östlunds „Höhere Gewalt“ aus.
Beim diesjährigen Filmfestival von Cannes wurde der Regisseur für seinen Film mit dem Jury-Preis ausgezeichnet – wobei angesichts des dramatischen Beginns überrascht, dass er danach häufig einen eher komödiantischen Tonfall anschlägt. „Hier haben wir es mit Menschen zu tun, die einen gewissen Wohlstand besitzen und ihr Leben unter Kontrolle haben, darüber darf man sich schon einmal amüsieren“, sagt Östlund im Gespräch mit dem tip.
Mit seinem vorangegangenen Film „Play“ erwies sich der schwedische Regisseur Ruben Östlund als Filmemacher in einer zugleich gesellschaftskritischen und forminteressierten Tradition, für die vor allem Michael Haneke als großes Vorbild gilt. Östlund erzählte, wie eine Gruppe von Kindern von einer Gruppe etwas älterer Kinder migrantischer Herkunft ausgenommen wird. „Wenn es um Hautfarbe, Rasse und Klasse geht, ist nichts komisch. ‚Play‘ war auch viel stilisierter, es gab im ganzen Film nur 42 Schnitte, dadurch war es viel schwieriger, eine Dynamik herzustellen. Hier hat der Rhythmus viel mit Humor zu tun. Ich würde aber nicht sagen, dass ich das Publikum in ‚Play‘ überfordert habe – er war nun einmal auf Konfrontation angelegt. Diesmal war ich einfach neugierig darauf, in eine andere Richtung zu gehen.“
Höhere GewaltInspiriert wurde Östlund übrigens von dem Schiffsunglück des Kreuzfahrtdampfers „Costa Concordia“ vor einigen Jahren, das Schlagzeilen machte, weil der Kapitän, entgegen seinen Pflichten, eben nicht als Letzter von Bord ging.
„Daraufhin habe ich mir Statistiken angesehen. Die belegen das Gegenteil vom Mythos, dass Kinder zuerst in die Rettungsboote kommen: Die größten Überlebenschancen haben Mitglieder der Besatzung, haben Männer. Die Erwartung, dass ein Mann in so einer Situation heldenhaft handelt, wird enttäuscht – er ist vielmehr derjenige, dessen Handeln am ehesten instinktgeleitet ist. Vor nicht allzu langer Zeit ließ der Kapitän einer südkoreanischen Fähre die Schüler an Bord im Stich, aber als er an Land war, beging er Selbstmord, so sehr schämte er sich. Generell kann man sagen: Wenn wir den Erwartungen unserer Umwelt nicht gerecht werden können, löst das große Identitätskrisen aus.“
Der Mann kann seiner traditionellen Beschützerrolle nicht mehr gerecht werden, im Film hat er schließlich einen Zusammenbruch, fängt in den Armen seiner Frau hemmungslos an zu weinen und krümmt sich auf dem Boden des Hotelzimmers.
Höhere Gewalt„Bei dieser Szene verließ während der Premiere beim Filmfestival von Cannes ein Mann demonstrativ die Vorführung“, erinnert sich Östlund. „Natürlich war das eine der ersten Fragen, die ich mit dem Schauspieler Johannes Bah Kuhnke besprach, sodass er von Anfang an darauf vorbereitet war, in dieser Szene ein Verhalten zu zeigen, dass gemeinhin als ‚unmännlich‘ gilt. Die Art, wie er weint, generiert keine Sympathie für ihn, wir sind es überhaupt nicht gewöhnt, Männer im Kino weinen zu sehen. Der Zuschauer sollte sich fragen: Was macht Tomas in diesem Moment? Will er unsere Sympathie erheischen? Der Dreh dieser Szene zog sich über mehrere Tage hin, ich drehte jeden Tag aus einem anderen Kamerawinkel. Schließlich forderte ich Johannes auf, seinen Emotionen völlig freien Lauf zu lassen. Davon haben wir dann zehn Takes gedreht, mit einem Countdown. Beim letzten Take hatten wir das Maximum erreicht.“
Das Verhalten der Ehefrau wurde, so Östlund, von den Zuschauern übrigens höchst unterschiedlich bewertet. „In den USA fanden viele ihr Verhalten unnötig hart. Dabei habe ich selber versucht, mich mit Ebba zu identifizieren: Was hätte ich an ihrer Stelle in dieser Situation getan? Auch darauf gibt es keine einfache Antwort. Wäre sie mit den Kindern abgereist, hätte sie diese in den Konflikt mit hineingezogen. Vielleicht müssen wir erst einmal akzeptieren, dass wir menschlich sind und Fehler machen können.“
Wie schon bei „Play“ hat Östlund die Inszenierung seines Films minutiös geplant. „Es stimmt, allem liegt eine Art Choreografie zugrunde. Wenn die Kamera starr bleibt und sich die Personen aus dem Bild herausbewegen, dann korrespondiert das mit den Fantasien der Zuschauer, die sich fragen: Was passiert außerhalb des Bildfeldes? Die langen Einstellungen haben für mich viel mit dem Erfassen von Echtzeit zu tun. In der Szene, bevor die Lawine herunterkommt, fragt die Tochter: ‚Gibt es keinen Parmesan?‘ Ich liebe die Realität solch kleiner Details, die die Katastrophenmomente in ein anderes Licht setzen.“

Text: Frank Arnold

Fotos: Alamode Film

Orte und Zeiten: „Höhere Gewalt“ im Kino in Berlin

Höhere Gewalt (Turist), Schweden/Dänemark/Frankreich 2014; Regie: Ruben Östlund; ?Darsteller: Johannes Bah Kuhnke (Tomas), Lisa Loven Kongsli (Ebba), Clara Wettergren (Vera); 118 Min.

Kinostart: Do, 20. November 2014

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