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„Holy Motors“ im Kino

Holy Motors

Die Stretchlimousine ist das Fortbewegungsmittel der besonders wichtigen Menschen. Wir wissen das aus Gangsta-Rap-Videos, von Filmpreisverleihungen und neuerdings aus David Cronenbergs „Cosmopolis“. In diesen lang gezogenen Kabinen auf Rädern kann man Orgien feiern oder die virtuellen Fäden ziehen, an denen die Welt hängt. Oder man kann sich umziehen, schminken, verwandeln, wie Denis Lavant das in „Holy Motors“ von Leos Carax mehrfach tut. Zu Beginn, als er am Morgen ein modernistisches Haus verlässt, mit den guten Wünschen der Kinder für einen mutmaßlich harten Arbeitstag, sieht alles noch ganz erwartbar aus. Dieser Monsieur Oscar telefoniert mit einem Partner, spricht ökonomischen Kauderwelsch und raucht dabei gierig eine Zigarette. Dann bekommt er aber von seiner Fahrerin Cйline (Edith Scob, eine Legende des französischen Kinos seit George Franjus „Les yeux sans visage“) ein Dossier für sein erstes „Rendezvous“ ausgehändigt. Und bald darauf hat Monsieur Oscar seinen ersten Auftritt: als Bettlerin auf einer Brücke in Paris. Und von da an verwandelt sich nicht nur dieser Mann mehrfach, sondern im Grunde der ganze Film, der von Szene zu Szene immer phantastischer wird, im Sinne von: immer radikaler in seiner Imagination. Als „Monsieur Merde“ kidnappt Oscar ein Model (Eva Mendes), am Ende kehrt er zu einer nun wirklich ganz und gar anderen Familie zurück.
Was am Horizont von „Holy Motors“ erkennbar wird, ist eine Geheimgesellschaft, ein Untergrundkino, das ständig am Rande des Wirklichen Szenen des Fiktionalen durchspielt, die aber immer nur wie Kreuzungspunkte von Erzählungen wirken, niemals aber zu solchen werden. Leos Carax, der mysteriöseste unter den französischen Regisseuren, legt in „Holy Motors“ auch Spuren in sein eigenes Werk aus (zum Beispiel erinnert er in einer wunderbaren Szene mit Kylie Minogue an „Die Liebenden von Pont-Neuf“), begreift darin aber die ganze Filmgeschichte bis zurück zu dem Protokinopionier Йtienne-Jules Marey mit ein und öffnet sie kühn auf eine radikal offene Zukunft.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Arsenal Filmverleih

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Holy Motors“ im Kino in Berlin

Holy Motors, Frankreich/Deutschland 2012; Regie: Leos Carax; Darsteller: Denis Lavant (Monsieur Oscar), Edith Scob (Cйline), Eva Mendes (Kay M); 115 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 30. August

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Hauptdarsteller Denis Lavant

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